Heymann, Rez. Kohlmayer: Kunst und Wissenschaft der Komödienübersetzung

Beiträge, Französisch

Literarisches Übersetzen als gelehrte Kunst – Band 5 von Rainer Kohlmayers translationswissenschaftlicher Pentalogie ist erschienen

Sabine Heymann (Rez. zu:  Rainer Kohlmayer, Kunst und Wissenschaft der Komödienübersetzung. Reflexionen – Beispiele – Erfahrungen. Peter Lang Frankfurt/M. 2021).

 

Auf der Rückseite des Einbands bezeichnet der Autor sein Buch als „das erste Werkstattseminar zu Theorie und Praxis des Dramenübersetzens“.[1] In der Einleitung gestattet er sich die fast schon private Bemerkung, es sei „ein sehr persönliches Lehr-, Lern- und Lesebuch, da die meisten Beispiele aus (…) der eigenen Übersetzungspraxis stammen.“[2] Seine Entstehung verdanke es der Verknüpfung von vier Antrieben oder „Leidenschaften“: der Theaterarbeit, der Praxis des literarischen Übersetzens, der Suche nach einer Theorie des literarischen Übersetzens und der universitären Lehre[3]. Im Grunde hat Rainer Kohlmayer damit aber nicht allein das Konzept und die methodischen Voraussetzungen seines gerade erschienenen neues Buch umrissen, sondern zugleich auch die Parameter für das außergewöhnliche Profil seiner Arbeit als Ganzes benannt.

Mit der Monografie „Kunst und Wissenschaft der Komödienübersetzung. Reflexionen – Beispiele – Erfahrungen“ legt Kohlmayer jetzt den fünften Band seiner translationswissenschaftlichen Pentalogie[4] vor. Es ist ein Abschlussband, der viele Fäden und Leitthemen der vorangegangenen Bände noch einmal aufgreift, weiterführt, anders beleuchtet, mit Extrakten theoretischer Diskurse anreichert, hinzu kommen zahlreiche Zitate eigener Übersetzungsresultate, gespickt mit Reflexionen und Erläuterungen. Er enthält all das, was noch zu sagen blieb. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Bänden der Pentalogie, in denen Kohlmayer versucht hatte, dem „unübersichtlich“ und „enzyklopädisch“ gewordenen Feld der Translationswissenschaft Überblicke entgegenzusetzen, will er im vorliegenden Band durch „Authentizität“ reagieren, was für ihn heißt: von eigenen Erfahrungen, eigenem Nachdenken, eigenen Erkenntnissen ausgehend.[5] Ganz hat er das nicht durchhalten können: in Wahrheit wechseln sich Beispielpassagen immer wieder mit Überblicken ab, überblicksartig angeordnete praktische Informationen mit theoretischen Diskursen. Insgesamt ist das Buch ein Zeugnis „vielfältiger Erfahrungen aus vielen Jahrzehnten universitärer Lehre, zwei Dutzend eigenen (…) Theaterübersetzungen, 42 eigenen Inszenierungen, vielen Forschungsschriften“ und der Freude, Jahrzehnte lang all diesen Interessen treu bleiben und sie zusammenführen zu können[6]. Kohlmayers Selbstbeschreibung ist kaum etwas hinzuzufügen. Im Feld der deutschsprachigen Romanistik ist er eine einzigartigen Persönlichkeit mit einer in hohem Maße konsequenten Einheit von Theorie und Praxis.

Bis 2014 war Rainer Kohlmayer Professor an der Mainzer Universität, wo er Sprach- und Übersetzungswissenschaft lehrte und die Uni-Bühne gründete. Er inszenierte dort meist von ihm selbst übersetzte, aber auch eigene Stücke und Bearbeitungen. Kohlmayer ist ein Komödienübersetzer par excellence, mit einer besonderen Spezialisierung für vertrackte Versübersetzungen.

Geht man auf theaterexte.de – den umfassenden Online-Katalog des Verbandes deutscher Bühnen- und Medienverlage e.V., der fast alle im Augenblick bei deutschsprachigen Bühnen- und Musikverlagen verfügbaren Theatertexte auflistet, geordnet nach Autor:innen, Übersetzer:innen u.a. Kategorien, sind dort von Rainer Kohlmayer nicht weniger als 26 Texte verzeichnet: Professor FAUST und Gretchen (ein eigener Text), dazu 11 Übersetzungen von Eugène Labiche (1815-1888), 6 von Corneille(1606-1684), 4 von Molière (1622-1673), 3 von Oscar Wilde (1854-1900), 1 von Alexandre Dumas d.Ä. (1802-1870). Übersetzungssprachen sind Französisch und Englisch. Die Vorliebe für die großen Komödien des 17. und 19. Jahrhunderts ist evident. Chapeau! Denn übersetzerisch gehören diese auf Pointen, Sprachwitz, Geschwindigkeit der Dialoge und Situationskomik basierenden Stücke zum schwierigsten Dramentypus. Das kann nicht jeder. Wichtig zu wissen: Kohlmayers Übersetzungen sind überaus erfolgreich. Sie lagern nicht ungenutzt in Verlagsarchiven und Datenbanken, nein, sie werden aufgeführt. Zuletzt „Bunbury“ am Burgtheater Wien.

Noch einmal aus dem Covertext: Das Buch „bietet zunächst einen kritischen Überblick über das Feld der literarischen Übersetzung und behandelt dann Einzelprobleme am Beispiel von Corneille, Molière und und Labiche“, ergänzt von einem Erfahrungsbericht aus der Theaterpraxis, der den Weg vom Text zur Inszenierung verfolgt. Der Band schließt mit Stellungnahmen Jürgen von Stackelbergs zu Rainer Kohlmayers Übersetzungen und einem Interview der Dramaturgin Katja Stoppa mit dem Verfasser. [7]

Das erste Kapitel des Buches „Dramenübersetzung als gelehrte Kunst“ steigt kritisch auf den deutschsprachigen Theaterbetrieb ein, wendet sich danach kurz dem gegenwärtigen Zustand der Translationswissenschaft zu, macht mit einem Erfahrungsbericht zur „deutschsprachigen Theaterlandschaft“ weiter: Fakten und Zahlen zum deutschsprachigen Theatersystem, Informationen zu Produktionsbedingungen und Rezeption, zur wichtigen Institution der Bühnenverlage, ihrer Rolle als „als Vermittler zwischen Übersetzern und Theatern“ und wie sie funktionieren. [8] Das sind Basics für angehende Übersetzer:innen, die in den Universitäten meist nicht vermittelt werden. Das nächste Unter-Kapitel heißt „Besonderheiten des Dramenübersetzens“ und es handelt unter den Stichworten Neuheit, Figurensprache, Beziehungen, Verständlichkeit, Situation kurz Grundlagen ab, nicht ohne den wichtigen Hinweis darauf, welchen Eingriffen am Schreibtisch erdachte/übersetzte Texte im Zeitalter des postdramatischen Theaters und der Textflächen auf dem Weg zur Bühne ausgesetzt sind. Es geht dann noch einmal kurz um neue Entwicklungen bei den modernen Übersetzungswissenschaften, um die „Hybridität des Literaturübersetzens“ als Praxis einer gelehrten Kunst, mit hochinteressanten Anmerkungen etwa zu hybriden Begabungen, also Übersetzer:innen, die Wissenschaft mit Kunst zu verbinden wissen. Zum Beispiel: A.W. Schlegel, Karl Dedecius, Klaus Reichert, Frank Günther, Annette Kopetzki, Frank Heibert.[9]

Kapitel 2 „Die Elastizität der deutschen Sprache“ widmet sich der Widerlegung von Vorurteilen. Anhand von Molière wird untersucht, „ob die deutsche Übersetzung die Mündlichkeit des französischen Originals angemessen wiedergeben kann.“[10] Kohlmayer stellt Dramen-Semiotiker vor, die durch Metrum und Reimzwang im Versdrama die Individualisierung der Figuren verhindert sehen, zitiert den „gewieften Übersetzungspraktiker“ Frank Heibert“, für den der Alexandriner „im Deutschen quälend schwerfällig wirkt“[11] und puristischeTheoretiker:innen, die die deutsche Sprache aufgrund der mechanischen Zäsur in der Zeilenmitte, vor allem aber aufgrund der Reimarmut des Deutschen für Alexandriner als ungeeignet betrachten. Prominentester Vertreter der Gegenfraktion ist kein geringerer als Goethe mit seinem massiven Gebrauch von unreinen Reimen. Das ist eine sehr aufschlussreiche Passage und man ist als Leser:in natürlich sofort auf Goethes Seite. Was ich gar nicht wusste: auch Hans Magnus Enzensberger hat eine „bravouröse Bearbeitung des Menschenfeinds in gereimten Blankversen und in modernster Gegenwartssprache“ hergestellt.[12] Dennoch sei Enzensberger überzeugt, dass der Alexandriner im Deutschen nicht für das Theater tauge. Aufgrund der syntaktischen Struktur des Deutschen.[13] Und so wird Kohlmayers in den Folgekapiteln ausführlich dokumentierte virtuose Übersetzerarbeit mit Alexandrinern zum immer neuen Beweis des Gegenteils.

Für Romanist:innen, Translationswissenschaftler:innen, für Nachwuchsübersetzer:innen wie alte Profis ist das Buch eine Fundgrube an komprimierter Gelehrsamkeit und praktischer Erfahrung, nicht zuletzt auch an „Geheimwissen“, an Tipps und Tricks, an die man sonst nicht so ohne weiteres gelangen würde. Kohlmayer ist sehr generös bei der Offenlegung seiner Kunst. Ein gewisses Vorwissen über Übersetzungstheorie ist hilfreich, auch den einen oder anderen Text von Corneille, Molière, Labiche sollte man gelesen haben. Einzige Kritik: bei einer derartigen Fülle an Wissen wäre an einigen Stellen eine prägnantere Strukturierung eine Navigationshilfe gewesen, manche der verstreut assoziativ herausschießenden Exkurse hätte man an anderer Stelle bündeln können. Dennoch: man liest das Buch mit Vergnügen und weiß danach, wo man nachschlagen kann, wenn man irgendwann einmal das Wagnis eingeht, Molières Alexandriner übersetzen zu wollen.

Ein ausgewiesener Bewunderer von Kohlmayer-Übersetzungen war der große Göttinger Romanist Jürgen von Stackelberg (1925-2020), dessen drei Rezensionen ein eigenes Kapitel bilden: Corneilles Menteur (2007. Kohlmayer im Vergleich mit Goethe, der allerdings nur den „ersten Auftritt“ übersetzt hatte)[14]; Molières Tartuffe (2008: „Endlich ein Molière für die Bühne!“)[15]; und Molières Menschenfeind (2010)[16]. Um ein Beispiel zu geben: im Falle des Misanthrope nimmt sich Stackelberg einzelne Szenen im Original vor und vergleicht sie mit Kohlmayers Übersetzung – was amüsant zu lesen ist und implizit eine Menge Grundlagenwissen zum Dramen-Übersetzen vermittelt. Gleich zur ersten analysierten Szene (Akt I, 41-64) merkt der Rezensent an: „Vielleicht muss man jünger sein (als der Verfasser dieser Zeilen), um diese Übersetzung nicht als etwas zu sehr ‚nach unten stilisiert‘ zu empfinden. Kohlmayer (ich weiß nicht, wie alt er ist) lehrt an der Hochschule für Übersetzen und Dolmetschen in Germersheim und führt dort mit seinen Studenten auch auf, was er übersetzt hat. Das mag vielleicht die in den Augen des Älteren etwas zu deutliche ‚Modernisierung‘ erklären.“[17] Um dann angesichts von Kohlmayers Alexandrinern umgehend einzulenken: „Aber neben den lexikalisch-stilistischen Modernismen (…) gilt es zu beachten, dass Kohlmayer die Zwölfzahl der Silben des Alexandriners strikt einhält und paarweise reimt wie Molière. Und dann trifft er den Sinn selbst bei so schwierigen Versen wie …“[18]. Und es folgen reihenweise Beispiele von höchst gelungenen Versübertragungen. Stackelbergs Résumé: „Die Moral von der Geschichte lautet: halte dich so nah am Text, wie es geht, um in Sinn und Form dem Original zu entsprechen, entferne dich von ihm, wenn anders eine gute deutsche Wiedergabe (Bühnensprechbarkeit!!!) nicht zu erreichen ist, Kohlmayer ist ein versierter, ein erfahrener und selbständiger Übersetzer, sofern „selbständig“ ein Wort ist, das eine gelungene Übersetzung bezeichnet. Wenn Übersetzungen misslungen sind, liegt es fast immer daran, dass der Übersetzer am Wort der Vorlage klebt.“[19] Stackelberg wusste, wovon er sprach.

Zwar zieht Kohlmayers Pentalogie die Summe eines komplexen Lebenswerks. Sie ist sicher auch als eine Art Vermächtnis für spätere Generationen gedacht. Zur Ruhe gesetzt hat sich der Autor aber noch lange nicht. In einer seiner mir kürzlich zugegangenen Mails schreibt er: „Ich habe gerade Labiches CHAPEAU DE PAILLE D’ITALIE neu übersetzt, wobei die 24 Lieder am meisten Vergnügen machten. Das Schreibtischtheater ist Gottseidank nicht vom Lockdown betroffen.“

Die Verfasserin ist Kulturjournalistin, Theaterkritikerin und Übersetzerin von zeitgenössischen Theatertexten, Belletristik und Sachbüchern aus dem Italienischen, Französischen, Spanischen und Englischen.

  1. Rainer Kohlmayer: Kunst und Wissenschaft der Komödienübersetzung. Reflexionen – Beispiele – Erfahrungen. Peter Lang Frankfurt/M. 2021, Rückseite des Einbands.
  2. Ebd., S. 5.
  3. Ebd.
  4. Neben der vorliegenden Monografie gehören zu Rainer Kohlmayers ‚Pentalogie‘ die folgenden Bände:Deutsche Sprachkomik. Ein Überblick für Übersetzer und Germanisten. Peter Lang Frankfurt/M. 2017; Rhetorik und Translation. Peter Lang Frankfurt/M. 2018;  Literaturübersetzen Peter Lang Frankfurt/M. 2019; Kritische Übersetzungswissenschaft. Peter Lang Frankfurt/M. 2020.
  5. Vgl. Kohlmayer 2021, S. 12.
  6. Vgl. ebd., S. 6.
  7. Vgl. ebd. Rückseite des Einbands.
  8. Vgl. ebd., S. 14f.
  9. Vgl. ebd., S. 20.
  10. Ebd., S. 30.
  11. Ebd., S. 33.
  12. Ebd., S. 35.
  13. Ebd.
  14. Ebd., S. 159.
  15. Ebd., S. 168.
  16. Ebd., S. 179.
  17. Ebd., S. 181.
  18. Ebd.
  19. Ebd., S. 185.

 

Ill.: Nicolas Mignard, Molière in der Rolle des Cäsar (1658), gemeinfrei

Offline lesen:

Schreibe einen Kommentar