Auerbach weiterdenken: Mimesis und Figura

Beiträge, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch

Patricia A. Gwozdz, „Auerbach weiterdenken“, zur Publikation vorgesehen in Romanische Studien

Rezension von Mimesis und Figura: mit einer Neuausgabe des „Figura“-Aufsatzes von Erich Auerbach, hrsg. von Friedrich Balke und Hanna Engelmeier, Medien und Mimesis 1 (Paderborn: Wilhelm Fink, 2016), 192 S.

Vorabdruck der Rezension


Auerbach weiterdenken

Patricia A. Gwozdz (Potsdam)

„Mimesis“ und „Figura“ gehören wohl zu den meistdiskutierten Konzepten der Literaturwissenschaft, die weit über die Fachgeschichte der Romanistik hinaus Erich Auerbach zu einem prominenten Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts – nicht nur in Europa – avancieren ließen. Es waren insbesondere die angloamerikanischen Literaturkritiker wie Stephen Greenblatt (und der New Historicism) und Hayden White (Figural Realism), die die Anschlussfähigkeit von Auerbachs Begriffen an neuere Methodologien der Literaturgeschichte und Literaturtheorie ermöglichten. Doch dann wurde es relativ still um die Weiterentwicklung seiner Konzepte. Zwar blieben sie Teil der akademischen Zitatpolitik, wenn man sich mit dem Begriff der „Mimesis“ im Allgemeinen und der „Figura“ im Besonderen beschäftigte, allerdings beschränkte sich dies oft auf zwei Lager: die philosophisch-hermeneutische Tradition im Kontext der Geschichtstheologie und -philosophie oder aber die genuin literaturwissenschaftliche, die kaum über das literaturtheoretische Potential hinausging, das Auerbach in seinen Schriften präfiguriert hat. Die zunächst schleppende Rezeption und Weiterentwicklung seiner Begriffe mag sicherlich auch daran gelegen haben, dass viele unterschiedliche Akteure aus französischen und deutschen Theorieschulen ihre eigenen Begriffe im akademischen Feld in Stellung brachten, wie die Strukturalisten in Frankreich und die Poetik-und-Hermeneutik-Gruppe auf deutscher Seite. Diese zeitweilige Absenz Auerbachs aus bestimmten literaturtheoretischen Zirkeln wird mit dem kleinen, handlichen Band von Friedrich Balke und Hanna Engelmeier nun behoben. Das kompakte Taschenbuch enthält nicht nur eine Neuauflage des „Figura“-Aufsatzes (119–88) mit übersetzen Stellen aus dem Lateinischen, Griechischen und Italienischen, sodass nun auch Nicht-Altphilologen und -Romanisten Zugang zu einem Klassiker der Begriffs- und Theoriegeschichte bekommen, mit den beiden einleitenden Aufsätzen von Friedrich Balke und Hanna Engelmeier wird dem Leser zusätzlich ein ausführlicher Einblick in die Entstehungsgeschichte und die Zusammenhänge der beiden Konzepte gegeben. Ein großer Gewinn ist insbesondere der Aufsatz von Friedrich Balke, der zusammen mit Hanna Engelmeier in dem DFG-Graduiertenkolleg „Medien und Mimesis“ geforscht hat, hier ist sicherlich auch der Anknüpfungspunkt für die Beschäftigung mit Auerbach zu suchen. Balke[1] bespricht nicht nur in großen Teilen Aspekte des „Mimesis“-Buches, sondern verknüpft Auerbach auch mit anderen Lesarten des Figuralen und Figurativen wie z. B. bei Gilles Deleuze und Georges Didi-Huberman. Er legt damit die ersten Anknüpfungspunkte fest, die zu einer vergleichenden Lektüre dieser Autoren anregen. Er zeigt auf, wie man durch unterschiedliche Fragestellungen den Fokus auf Auerbachs Text verlegen kann, um Aspekte in den Blick zu nehmen, die man leicht überlesen könnte. Auf diese Weise legt er Wege der Deutung offen, die insbesondere auch Parallelen zwischen Auerbach und Foucault ziehen. Auerbachs Geschichtsverständnis der „minderen Mimesis“[2] enthalte bereits viele Überlegungen, die an Gedankengänge und Theorien aus Foucaults „Das Leben der infamen Menschen“ erinnern lassen (54–8). Balke zeigt auf, wie Foucaults konstatierte „Neigungslinie der Literatur seit dem 17. Jahrhundert“, die das Aufschreiben „wirkliche[r] Existenzen“ ermögliche, mit Auerbachs Vorstellung einer neuen Form der Mimesis zusammenfällt, die mit den antiken Stilregeln bricht und das Alltägliche zu einem erhaben-ernsthaften Gegenstand erhebt (55–6). Zwar lässt er sich nicht dazu verleiten, Auerbach gar als Vorläufer Foucaults darzustellen, viele seiner Überlegungen lassen jedoch genau diese Vermutung zu. Dies ist deswegen hervorzuheben, da Auerbach – sowohl in Sammelbänden als auch in Monographien – kaum mit der French Theory in Verbindung gebracht wurde. Balkes Lektüren eröffnen daher neue, produktive Horizonte der Forschung, die diese Vernachlässigung korrigieren und für die eigene Theoriebildung fruchtbar gemacht werden könnten. Auch Analogien zum Konzept des „niederen Materialismus“, wie ihn Bataille eingeführt hat, oder zum „Formlosen“, das in Didi-Hubermanns eigener Bildtheorie Verwendung findet (40–4), werden von Balke evoziert, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Autoren zur Geltung zu bringen. Denn anders als Bataille, der aus dieser Hierarchie des Niedrig-Materiellen und Hohen-Erhabenen seine volle ästhetische Darstellungskraft schöpfe, gehe es Auerbach darum, diese hierarchische Differenzierung als einen entwicklungsgeschichtlichen Mangel auszuzeichnen, der durch die „Deklassierung“ des Literarischen gerade behoben werde, indem die „Höhenlage einer bestimmten Stilistik“ unterminiert werde (48). Balkes vergleichende Lektürepraxis zeigt jedoch auch, wie sich die Begriffe „Figura“ und das „Formlose“ konstruktiv miteinander verbinden ließen. Form, das Formlose und Figura seien eben keine gegensätzlichen Konzepte, die sich untereinander ausschließen. Das „Formlose“ müsse stattdessen als eine Grundbedingung der Figura betrachtet werden, die Formen verändert, um dadurch das „Plastische der Figura“ hervorzubringen (44). Balke schlussfolgert:

Mimesis ist für Auerbach also, noch vor ihrer theologischen oder geschichtsphilosophischen Figuraldeutung, ein anderer Name für den Einbruch des Formlosen, das er deshalb im Spannungsverhältnis zwischen dem hohen Stil der antiken Rhetorik und den anderen Kräften lokalisiert. (44)

Schließlich baut Balke noch eine Wende zur Film- und Bildtheorie ein, die er mit Béla Balázs, Gilles Deleuze und Siegfried Kracauer einführt, dadurch auch Auerbachs Verständnis „dargestellter Wirklichkeit“ auf andere Medien übertragend bzw. diese intermedial weiterdenkend. Besonders in der Großaufnahme, dem Zoom auf das alltägliche, kleine Leben, könne man eine Korrespondenz zu jener Ernsthaftigkeit finden, von der Auerbach in Bezug auf Flaubert bereits gesprochen hat (74) und in seinem close reading der Strumpf-Szene aus Virginia Woolfs To the Lighthouse demonstriert hat (75). Diese Produktion von „Affektbildern“ sieht Balke daher auch in der philologischen Methode Auerbachs selbst, in der es um die „Ausstrahlungskraft“ des „Ansatzphänomens“ gehe, das er in „Philologie der Weltliteratur“ beschreibe (75), denn gerade hier sei das Ausschneiden von Bildern wie bei Woolf ein strukturelles Analogon zum Ausschneiden von Textstellen aus den Romanen, die er vergrößert und gleichzeitig dadurch – wie Deleuze es sagt – grundsätzlich in ihrer Bewegung auch verändert (73).

Hanna Engelmeier ergänzt den Band durch ihre konzise Einführung[3] in Auerbachs écriture als auch in die kurze Wirkungsgeschichte seiner Begriffe. Das erleichtert sicherlich nicht nur den Einstieg in den „Figura“-Text, sondern leitet darüber hinaus zu einer erneuten Lektüre des „Mimesis“-Buches über. Das ist auch die Stärke des Bandes: zwischen beiden Konzepten stets eine Brücke der gegenseitigen Verweisungen aufrecht zu halten und dem Leser einige Lektürevorschläge zu unterbreiten, die beide Konzepte erneut in Verbindung zueinander setzen. In diesem Sinne versteht auch Engelmeier „Figura“ als „vermittelnde[n] und verbindende[n] Begriff“, „der die Lektüre eines Textes mit der Vergangenheit verbindet, aus welcher der Text kommt, und auf die Zukunft hindeutet, in der sich der Text in neuen Lektoren wiederum erfüllen wird“ (96). Auerbachs „philologische Methode“ und seine „Epistemologie“ hebe zwar in Figura als Begriffgeschichte an, stehe jedoch darüber hinaus im „Dienst einer historischen Anthropologie in humanistischer Absicht“ (105). Dementsprechend gehe es ihm nicht nur um die Idee einer Präfiguration von Texten im Sinne der „Realprophetie“, sondern auch um eine Theorie der Lektüre, die schließlich zu einem Bild des Leseres führe, der ohne eine mimetische Praxis nicht zu denken sei. Daher könne auch niemals eine allgemein definierte Methode an den Text herangetragen werden, denn diese entstehe erst gerade aus der „Prozesshaftigkeit des Lesens“ (108), die in jedem einzelnen Text eine andere Form annehmen könne. Die Phänomene dürften daher nicht von engen Begrifflichkeiten und Definitionen eingeschränkt werden. Das konkrete Phänomen als solches bestimme daher auch den „Ansatz“, mit dem sich ein bestimmter Text überhaupt erst deuten lasse (110–1). Dem Wilhelm Fink Verlag, wie auch den beiden Herausgebern, ist damit eine gelungene Eröffnung der neuen Buchreihe Medien und Mimesis gelungen, die von Friedrich Balke und Bernhard Siegert herausgeben wird. Zugleich gibt sie jedem Auerbach-Neueinsteiger eine lesenswerte Einführung in das Werk des Literaturwissenschaftlers und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, seine Konzepte weiterzudenken.

  1. Friedrich Balke, „Mimesis und Figur: Erich Auerbachs niederer Materialismus“, 13–88.
  2. Friedrich Balke und Maria Muhle, Teilprojekt innerhalb des DFG-Projekts „Medien und Mimesis“, http://www.fg-mimesis.de/teilprojekte/, aufger. am 3.11.2017.
  3. Hanna Engelmeier, „Die Wirklichkeit lesen: Figur und Lektüre bei Erich Auerbach“, 89–118.

 

Ill.: Erich Auerbach, Istanbul 1944; Quelle: Martin Vialon / Erich Auerbach-Archiv: „Bedeutender Literaturwissenschaftler: Erich Auerbach- Archiv im Institut für Philosophie eröffnet“, http://www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2014/166.html

 

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