Angriff auf die Geisteswissenschaften

Notizen

„Das kommt einem Selbstmord der Gesellschaft gleich“ – Der Angriff auf die Geisteswissenschaften

SWR2 Forum, Sendung zum Nachhören

Kaum war er im Amt, hat US-Präsident Trump angekündigt, die ohnehin kargen Bundesmittel für die Geisteswissenschaften zu streichen. Auch das japanische Bildungsministerium kürzt seit Jahren die Mittel für die Geisteswissenschaften an den Universitäten. Zwischen Sapporo und Hiroshima sollen nun verstärkt Ingenieure und Informatiker gefördert werden. „Das kommt einem Selbstmord der japanischen Gesellschaft gleich“, diagnostiziert Prof. Keiichi Aizawa, Leiter der germanistischen Fakultät der Hochschule Tsukaba. In Ländern wie Großbritannien wird die Vergabe von Forschungsgeldern mittlerweile an wirtschaftlich messbare Auswirkungen gekoppelt.“Praxisrelevanz“ und „Effizienz“, das sind die neuen Hauptworte in den Forschungsdebatten. Droht ein Paradigmenwechsel in der Hochschulpolitik? Und wie reagieren die deutschen Universitäten auf diese Entwicklung?

Es diskutieren:

  • Prof. Dr. Keiichi Aizawa, Germanist, Universität Tsukuba, Japan
  • Prof. Dr. Kai Spiekermann, Philosoph, London School of Economics
  • Prof. Dr. Jürgen Zöllner, SPD, 1991 – 2011 Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz und Berlin
  • Gesprächsleitung: Reinhard Hübsch

 

Debatte zur öffentlichen Krise der Germanistik

(Und was hieße all das übertragen auf den Zustand der Romanistik?)

Ein Studium „im Fachbereich Literaturwissenschaften“, so heißt es in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, „führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts, außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier im Grunde mit einem recht ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf“.

Houellebecq weiter: „Nun schaden solche Studien aber auch nicht und können sogar einen geringfügigen Nutzen abwerfen. Ein junges Mädchen, das sich als Verkäuferin bei Céline oder Hermès bewirbt, muss selbstverständlich und in allererster Linie gepflegt auftreten; ein Abschluss in Literaturwissenschaften kann ein zusätzlicher Pluspunkt sein, dem Arbeitgeber wird eine gewisse mentale Beweglichkeit garantiert, die die Möglichkeit weiterer Karriereschritte nicht ausschließt, wo ansonsten keine brauchbaren Kompetenzen vorhanden sind.“

So weit Michel Houellebecqs Urteil über die Literaturwissenschaften. Handelt es sich hier nur um Polemik? Und ist in Frankreich sowieso alles anders? Nein, Houellebecq hätte seinen Roman auch in Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main spielen lassen können. Auch hier sind die Berufsaussichten für Literaturwissenschaftler ungewiss. (Martin Doerry in Der Spiegel)

Martin Doerry, Germanistik-Studium: Wer war Goethe? Keine Ahnung, irgendso’n Toter, DER SPIEGEL 6, 2017
In Deutschland studieren 80.000 junge Menschen Germanistik – viele nur deshalb, weil ihnen nichts Besseres eingefallen ist. Was wird aus ihnen?

Steffen Martus, „Germanistik in der Krise? Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht“, F.A.Z., 8. Februar 2017
Die deutsche Literaturwissenschaft taugt nichts, meint der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe. Doch weil die Kritik die falschen Probleme benennt, läuft sie leider ins Leere.

Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke, „Krise der Germanistik? Wir Todgeweihten grüßen euch!“, F.A.Z., 9. Februar 2017
Zu viel Geschwurbel, zu wenig Präsenz im öffentlichen Diskurs: Der „Spiegel“ ruft die Krise der Germanistik aus. Und schiebt uns dreien die Schuld zu. Hier bekennen wir, was wir tun. Ein Gastbeitrag.

Albrecht Koschorke im Gespräch mit Britta Fecke, „Zukunft der Germanistik: Präsenz von Germanisten im öffentlichen Raum ist groß“, DLF Kultur heute, 9. Februar 2017
Zu viele Studeten, ein unklares Berufsfeld und Professoren, die kaum wahrgenommen werden: In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ wird die Krise der Germanistik heraufbeschworen. Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke widerspricht dieser These. Man habe ihn als Interviewpartner im „Spiegel“ nicht richtig wiedergegeben, sagte er im DLF.

Klaus Kastberger, „Schluss mit dem Totentanz-Geraune“, DIE ZEIT, 13. Februar 2017
Überall Krisen, jetzt auch als Feuilleton-Debatte: Die deutschsprachige Literatur kann kein Deutsch mehr. Und die Schwurbeleien der Germanistik versteht kein Mensch. Aha.

 

Ill.: Weimar, Goethe- und Schiller-Denkmal

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