Ethnographie Neapels (Chr. Liermann Traniello)

Beiträge, Italienisch

Christiane Liermann Traniello, „Topographie des Liminalen: über Ulrich van Loyens Ethnographie Neapels“, Vorabdruck der Rezension zur Publikation in Romanische Studien.

Rezension von: Ulrich van Loyen, Neapels Unterwelt: über die Möglichkeit einer Stadt. Eine Ethnographie, mit Fotographien von Anja Dreschke (Berlin: Matthes & Seitz, 2018), 454 S.


Topographie des Liminalen

Über Ulrich van Loyens Ethnographie Neapels

Christiane Liermann Traniello
Deutsch-Italienisches Zentrum für Europäische Exzellenz Villa Vigoni, Menaggio (Como, Italien)

Ulrich van Loyen, Neapels Unterwelt: über die Möglichkeit einer Stadt. Eine Ethnographie, mit Fotographien von Anja Dreschke (Berlin: Matthes & Seitz, 2018), 454 S.

Als „ethnologisches Reisebuch“ wird van Loyens Darstellung im Klappentext bezeichnet. Das ist eine treffende Charakterisierung des ebenso unterhaltsamen wie gelehrten Werks. Der Autor besucht und untersucht Neapel – eine Stadt, um die sich unendliche Vorstellungen und Phantasien ranken. Allen noch so heterogenen Bildern von dieser uralten Metropole ist die Überzeugung gemeinsam, diese stehe (ihrer großen Aufklärungstradition zum Trotz) schlechthin für Gegenmoderne und alle möglichen Formen, Modernitätsparadigmen zu unterlaufen: von der Verweigerung der „Entzauberung“ der Welt à la Max Weber über pittoreske Volksfrömmigkeit durchsetzt mit magischen Glaubenspraktiken bis hin zur tribalen, Clan-haften Organisation des Sozialen. Neapel löst mit solchen Eindrücken bei Besuchern aus dem Norden (wohlgemerkt: auch aus dem Norden Italiens!) unweigerlich Faszination, Ekel, Euphorie und Widerwillen aus. Van Loyens ethnologischer Zugriff leugnet den Reiz des Exotischen nicht, der in der spezifisch neapolitanischen Widerständigkeit gegen Standarderwartungen der Moderne liegt, aber er romantisiert und folklorisiert ihn auch nicht. Er nennt seine Studie „eine Ethnographie“ und betont damit das von ihm angewandte phänomenologische Verfahren, welches mit seinen wissenschaftlichen Deutungen weniger hegemonial auftritt als eine vornehmlich auf die Rationalisierung des Beobachteten zielende Ethnologie.

Für van Loyen ist Neapel „eine Stadt, die einen unermüdlich darauf hinweist, dass sie mehr ist als eine Stadt“ (346). Dieses „mehr“ hat er über viele Monate hinweg vor Ort im Sinne klassischer Feldforschung erkundet, indem er sich besonders zwei peripheren Stadtvierteln zugewandt hat, Sanità und Secondigliano, in denen ein eigentümlicher Kult zum Alltag der Menschen gehört. Es handelt sich um die Pflege der „heiligen Seelen des Fegefeuers“, die sich konkret als eben pfleglicher, von Ritualen eingefasster Umgang mit den Knochenresten, speziell mit den Schädeln, von Toten äußert, die sich in den Tuffsteinhöhlen unter der Stadtoberfläche finden. Obwohl das Phänomen dieses Kultes um die „anime sante del purgatorio“ den Kulturwissenschaften, insbesondere in Italien, gut bekannt ist, ist seine Entstehungsgeschichte ebenso unklar wie die Identität der Verstorbenen, deren Skelette die „heiligen Seelen“ repräsentieren, um die sich die Lebenden kümmern. Es handelt sich nämlich gerade nicht um Verwandte oder Freunde, sondern um anonyme Tote, deren man sich annimmt, oft in geradezu liebevoller Hingabe und Achtsamkeit – in einer Art Adoption.

Ausgehend von der Schilderung dieses Brauchs und seines sozialen Kontextes entfaltet van Loyen ein breites Panorama charakteristischer Momente des neapolitanischen Lebens. Dabei verweist er auf Gemeinsamkeiten Neapels mit anderen Gegenden und Kulturen des „Südens“, widersteht aber klugerweise der Versuchung, solche Merkmale zu enthistorisieren und zu essentialisieren, als gebe es eine Art genetischen Code, gemäß welchem „der Süden“ unwandelbar für Archaik, Armut und Magie steht. Stilsicher und begriffsstark thematisiert er die strukturelle Fremdheit des wissenschaftlichen Beobachters gegenüber dem Verhalten der beobachteten Gemeinschaft, verbunden mit dem Bemühen um Empathie und Unvoreingenommenheit. Er macht deutlich, dass gerade der Topos des Fegefeuers irgendwie „typisch“ für Neapel ist, insofern er einer Erwartung entgegenkommt, die dem von außen an die neapolitanische Gesellschaft herangetragenem Fremdbild, aber auch deren Selbstbild entspricht. Denn das Fegefeuer steht für ein Zwischenreich, unabgeschlossen, uneindeutig, mit verhandelbaren Positionen, auf die die Lebenden durch Gebet und gute Taten Einfluss nehmen können. Das Purgatorium erscheint in diesem Verständnis als eine Art Tauschbörse, auf der Schutz, Segen, Heil und Zuwendung angeboten und erworben werden können. Es erweist sich als ein kommunikativer Grenzraum zwischen Diesseits und Jenseits. „Liminal“, das heißt: in Grenz- und Übergangsbereichen angesiedelt, ist daher van Loyen zufolge eines der zentralen Merkmale zahlreicher Verhaltensmuster und sozialer Konfigurationen, die er in Neapel beobachtet hat. Es scheint hier keine klare Trennung zwischen Glauben und Aberglauben zu geben, zwischen Leben und Tod, zwischen „Volksfrömmigkeit“ und anderen Devotionen, zwischen katholischer Orthodoxie, magischem Denken und Fetischkult. Entsprechend prominent ist für das soziale Miteinander, nicht nur in den untersuchten Stadtvierteln, die Figur des „Mittlers“ und „Mediators“ zwischen den Welten. Es sind Gestalten, die oft ihrerseits buchstäblich am Rand stehen, aufgrund von Behinderungen, seherischen Fähigkeiten oder sonstigen besonderen Einfühlungsgaben.

Van Loyens Buch enthält ausführliche Passagen eines während des Forschungsaufenthalts in Neapel geführten „Feldtagebuchs“, die kursiv gedruckt sind und mit den später verfassten, wissenschaftlichen Deutungen der aufgezeichneten Eindrücke abwechseln. Auf diese Weise entwirft der Autor eine kulturelle, sinnhaltige Topographie der Stadt. Er erläutert aus der Beobachterposition des Ethnographen, welcher inneren Logik, das heißt, welcher Binnen-Plausiblität zahlreiche neapolitanische Verhaltensmuster folgen, die dem Außenstehenden womöglich nur bizarr und bemitleidenswert vorkommen. Dieser entscheidende wissenschaftliche Schritt zur „Plausibilisierung“ dient dem Autor jedoch weder zur moralischen Rechtfertigung, noch zur Heroisierung des neapolitanischen Außenseitertums. Von den apologetischen Tönen, wie sie die große italienische Tradition der „Süditalien“-Forschung („Meridionalismo“) kennzeichneten, die er gegen Ende seines Buchs knapp resümmiert, ist van Loyen erfreulich weit entfernt. Vielmehr lässt er mit einem Augenzwinkern den Leser teilhaben an der durchaus verschmitzten und keinesfalls naiven Selbstbetrachtung der Neapolitaner, die den Umgang mit den Knochen der Verstorbenen im Fegefeuer pflegen. Kongenial sind Anna Dreschkes Photographien. Sie bebildern nicht einfach van Loyens ethnographische Deutungen, sondern entfalten eine eigene Evidenz, indem sie dem Betrachter Riten und Gemeinschaften, die sehr fremdartig anmuten, in deren ruhiger Gelassenheit und Selbstverständlichkeit vorführen.

 

Ill.: Neapel, Foto: Marcel Flach

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