Pascale Casanova (1959–2018), Erinnerung v. J. Jurt

Beiträge, Französisch

Joseph Jurt, „Eine Stimme ist verstummt: Erinnerung an Pascale Casanova (1959–2018)“, zur Publikation in Romanische Studien.

 


Eine Stimme ist verstummt

Erinnerung an Pascale Casanova (1959–2018)

Joseph Jurt (Basel)

Pascale Casanova ist am 29. September 2018 viel zu früh, mit erst 59 Jahren, gestorben.[1] Sie entsprach nicht dem Bild der klassischen universitären Literaturwissenschaftler. Sie war zunächst Literaturkritikerin. Seit 1981 wirkte sie bei Radio France; sie moderierte auf dem Sender France Culture eine sehr angesehene literarische Sendung, die zunächst ‚Les Jeudis littéraires‘, dann ‚les Mardis littéraires‘ und schließlich ‚L’Atelier littéraire‘ hieß. Als die letztere Sendung 2010 eingestellt wurde, protestierte eine große Zahl von Schriftstellern dagegen. Die Sendung fand bei ihnen so große Resonanz, weil sie so anspruchsvoll und intensiv war, weil die Moderatorin den Autoren die Fragen stellte, die sie sich selber stellte. Sie lud die innovativsten Schriftsteller aus Frankreich und anderen Ländern ein, widmete sogar Sendungen der Lyrik und scherte sich nicht um den Mainstream. Sie beherrschte ihr Métier, aber sie war auch Forscherin.

Sie war auch Forscherin; sie orientierte sich am Feldkonzept von Pierre Bourdieu, das ihr das analytische Besteck vermittelte, welches ihr erlaubt, auch versteckte Relationen und Strategien zu erkennen. Unter der Leitung von Pierre Bourdieu erarbeitete sie ihre thèse ‚L’espace littéraire international‘, die sie in einer denkwürdigen Disputatio in der Maison des sciences de l’Homme 1997 verteidigte. Als Mitglied der Jury de thèse konnte ich die Arbeit schon einsehen. Im Anhang hatte sie zahlreiche Gespräche transkribiert, die sie mit internationalen Schriftstellern geführt hatte. Das belegte, dass sie aus dem Vollen schöpfen konnte. Die Arbeit erschien dann 1999 als Buch unter dem Titel La République mondiale des lettres im Verlag Seuil; das Werk fand unmittelbar große Resonanz und wurde schon im Jahr 2000 mit dem Grand Prix de l’essai der Société des Gens de Lettres ausgezeichnet. In zahlreichen Ländern wurde das Buch übersetzt, so in Korea, Spanien, Brasilien, Japan, Ägypten, in den Vereinigten Staaten, England und Rumänien, erstaunlicherweise nicht in Deutschland.[2]

Pascale Casanova betrachtete in ihrer Monographie La République mondiale des lettres die Literatur aus entschieden internationaler Perspektive und ließ so das Vorurteil einer konstitutiven Insularität des Textes oder einer Autarkie der Nationalliteraturen hinter sich. In ihren Augen kann man die Originalität eines Werkes nur erfassen, wenn man es einordnet in den Zusammenhang, zu dem es gehört, nämlich zum Gesamt der Texte, der Werke, der literarischen und ästhetischen Debatten, die sein Umfeld bilden. Die Grenzen und die Bereiche des literarischen Raumes sind jedoch nicht mit den politischen Bereichen deckungsgleich. Literarische Hauptstädte und Provinzen stimmen nicht mit den politischen und ökonomischen Zentren und Peripherien überein. Die literarische Zentralstellung, so Pascale Casanova, behauptet sich gerade im Kampf für die Autonomie gegenüber politischen oder nationalen Vorgaben. Es wäre jedoch ein Ding der Unmöglichkeit, ein umfassendes Bild der gesamten literarischen Welt zu entwerfen. Die Autorin hatte sich darum dafür entschieden, die traditionelle Perspektive aufzugeben, um die großen revolutionären Neuerer der Weltliteratur aus einer anderen Sicht zu beleuchten: Joyce, Beckett, Kafka, Michaux, Ibsen, Cioran, Naipaul, Kiš, Arno Schmidt, Faulkner. Die Texte dieser Autoren werden als Elemente einer ‚Konfiguration‘ im Sinne Foucaults gelesen, als spezifische Produkte einer bestimmten historischen Situation. In der gleichen Bewegung soll die Spezifität und die Historizität der Literatur erfasst werden. Dieser doppelte Blickwinkel erforderte, dass man die literarische Welt als einen internationalen Raum und die Literaturgeschichte als sukzessive Ausfaltung dieser Internationalisierung betrachtete. Diese Perspektive war durchaus neu. Denn die Ansätze, die von der Theorie des literarischen Feldes ausgingen, beschränkten sich auf die Analyse eines nationalen Feldes, um hier die Auseinandersetzung zwischen autonomen und heteronomen Kräften zu untersuchen

Die literarischen Felder stehen aber, so die Autorin, auch in Konkurrenz mit anderen nationalen literarischen Feldern, deren Produkte in Form von Übersetzungen präsent sind. Die Erfassung der literarischen Welt als internationalem Raum setzt eine sehr breite Kenntnis der Autoren, der Sprachbereiche, der Traditionen voraus. Die Untersuchung geht von einer idealtypischen Konstruktion des internationalen literarischen Raumes aus, der durch eine doppelte, antagonistische Struktur bestimmt wird: einerseits durch den Pol des Zentralbereiches, der den autonomen Gesetzen einer ‚reinen‘ Literatur folgt und andererseits durch den Pol des nichtspezifischen Bereiches, der politischen, nationalen oder sozialen Zielsetzungen gehorcht. Jeder Bereich tendiert dazu, die gegnerische Position, die die Negation der eigenen Position ist, zu verschweigen. Aufgabe des Kritikers ist es, die unsichtbare Relation zwischen den beiden Polen, die die Stellungnahme letztlich strukturiert, zu erkennen.

Zunächst wird in der Untersuchung die sukzessive Ausbildung eines transnationalen Raumes ab dem 16. Jahrhundert rekonstruiert, das sich auch in der Rivalität der Sprachen (Italienisch und Französisch in Opposition zum Latein äußerte; der folgende Teil beschreibt die Struktur des transnationalen literarischen Raumes, wie er sich am Ende des 19. Jahrhunderts mit Paris als literarischer Hauptstadt darstellte; die rege Übersetzungstätigkeit und der Nobelpreis werden als Indizien dieser Internationalität interpretiert. Es wird aber nicht verkannt, dass die literarische Hegemonie von Paris später von einem polyzentrischen System abgelöst wurde, in dem London, New York, Rom, Barcelona und Berlin eine bedeutende Rolle spielen. Gegenüber der Dominanz des Zentrums manifestieren sich dann, so die Analyse von Pascale Casanova, die Literaturen der Peripherie. Es werden hier überzeugend Analogien zwischen den Positionen von Ramuz und aktuellen Autoren der französischen Antillen herausgearbeitet. Die Innovation von Ramuz (ein Stil, der sich an der mündlichen Sprache orientiert) wurde nach der Autorin verkannt, weil der Westschweizer Autor aus der kulturellen Peripherie stammte. Auf den Ergebnissen der – revoltierenden – Autoren der Peripherie konnten nach Pascal Casanova die literarischen ‚Revolutionäre‘ des 20 Jahrhunderts wie Joyce, Faulkner und Beckett aufbauen und so ihr innovatives Potential entfalten, um eine Art transnationales häretisches symbolisches ‚Kapital‘ zu schaffen.

Pascale Casanova hatte so mit La République mondiale des lettres eine richtungsweisende Untersuchung vorgelegt, die es erlaubt, aus den so starken Vorprägungen der nationalliterarischen Kategorien auszubrechen, denen auch die traditionelle Komparatistik noch oft verpflichtet ist, wenn sie auch Werke aus mehreren Nationalliteraturen vergleicht. Ein Vorteil dieses Ansatzes besteht darin, dass die internationale Dimension der Literatur als dynamischer Prozess gesehen wird, der sich einem Wettstreit zwischen den Kulturen verdankt. Die Kategorien ‚Autonomie‘ und ‚Heteronomie‘ erlauben es, diesen Prozess zu beschreiben und von seiner historischen Logik her zu verstehen und so substantialistischen Werturteilen zu entgehen.

Man konnte einzelne Aspekte der Arbeit kritisch sehen, etwa die Deutung von Goethes Konzept der Weltliteratur als Strategie einer ‚jungen Literatur‘, die erst auf der internationalen Szene auftauche oder eine zu starke Betonung von Paris als Konsekrationsinstanz. Das Buch löste indes eine internationale Debatte aus, die sich auch in den zahlreichen Übersetzungen manifestierte. In den Diskussionen zur Weltliteratur bezog man sich immer auch auf Pascale Casanovas Werk. „Pascale Casanova had an immense and lasting impact on world literary studies“ schrieb David Damrosch, der gleichzeitig ein Kolloquium ankündigte, das im Juli 2019 in Havard ihrem Werk und dessen Wirkung gewidmete sein wird.[3]

Pascale Casanova kam auch später wieder auf ihre Thesen zurück und unterstrich, dass man in den literarischen Zentren, wo schon ein großer Autonomiegrad erreicht ist, die Tendenz hat, Werke aus der Peripherie zu vereinnahmen und zu ‚universalisieren‘, indem man sie völlig aus ihrem Entstehungskontext löst. Sie zeigte auf, wie minoritäre Literaturen in ihrem jeweiligen nationalen Kontext zu situieren und zu verstehen sind, aber aus einer internationalen Perspektive: „Balayer d’un revers de main l’hypothèse d’une dépendance nationale de la littérature, au profit d’une foi dans l’autonomie absolue de la littérature, est encore une façon de perpétuer un rapport de pouvoir, c’est-à-dire un rapport de surplomb et de méconnaissance.“[4] 2007 hatte sie in Paris ein Kolloquium zum Thema ‚L’internationale des nationalismes littéraires‘ organisiert und betonte noch einmal ihre Perspektive: „On défendra ici […] un inter-nationalisme littéraire au sens de Mauss, qui suppose à la fois la prise en compte de la croyance nationaliste et son dépassement dans une conception relationnelle et universelle de la littérature mondiale“[5]

Pascale Casanova war aber nicht nur die Autorin eines Werkes, das zu einem ‚ouvrage de référence‘ geworden war. Wir verdanken ihr auch zwei innovative Monographien zu Beckett (Beckett, l’abstracteur, Seuil, 1997) und zu Kafka (Kafka en colère, Seuil, 2011). Schon von ihrer Krankheit gezeichnet, veröffentlichte sie 2015 ihr letztes Buch La Langue mondiale: traduction et domination, Seuil, 2015). Alle ihre Bücher waren auch in englischer Übersetzung in den Vereinigten Staaten erschienen, wo ihre Thesen ein großes Echo fanden. Kein Wunder, dass sie für drei Jahre als visiting professor an die Duke University eingeladen war. In Paris war sie assoziertes Mitglied des Centre de recherche sur les arts et le langage. Für sie war die Autonomie des intellektuellen Lebens ein wichtiges Anliegen. So war sie eine ganz wichtige Mitarbeiterin bei Pierre Bourdieus Projekt einer unabhängigen europäischen Kulturzeitschrift Liber. Sie gehörte ebenfalls zu den Verantwortlichen des kleinen unabhängigen Verlags ‚Raisons d’agir‘, den Pierre Bourdieu 1996 gegründet hatte.

Ich hatte Pascale Casanova vor ihrer Disputatio im Büro von Pierre Bourdieu kennen gelernt und wir gingen dann mit Bourdieu und einer Mitarbeiterin in einem Bistro essen. Gleich entwickelte sich ein sehr anregender Dialog. Ich sah sie dann wieder im Rahmen des von Bourdieu initiierten Projektes zum Feld der Verleger und der Verlage und während den zahlreichen Kolloquien, die im Kontext in der literarischen Sektion des europäischen Forschungsverbundes ‚ESSE. Pour un espace des sciences‘ stattfanden. Ihre Beiträge waren immer sehr reflektiert, stützen sich auf ihren großen Wissenshorizont. Dabei war sie immer bemüht, auch die Position des anderen zu verstehen und es fehlte ihr auch nicht ein charmanter Schalk.

Mit Pascale Casanova ist eine sehr originelle, sympathische und inspirierende Intellektuelle viel zu früh gestorben. Ihre Anregungen werden weiterhin ihre Wirkung entfalten.

  1. Vgl. auch The Institute of World Literature, Harvard University, „Major French literary critic Pascale Casanova dies at 59“, 30. September 2018, https://iwl.fas.harvard.edu/news/major-french-literary-critic-pascale-casanova-dies-59.
  2. Das Werk wurde aber in Deutschland schon besprochen, so etwa von Burkhard Pohl in PhiN 12 (2000), 93–8, http://web.fu-berlin.de/phin/phin12/p12t6.htm. Wolfgang Asholt hatte seinerseits Pascale Casanova zu einem Plenumsvortrag beim Romanistentag 1999 in Osnabrück eingeladen.
  3. https://iwl.fas.harvard.edu/news/major-french-literary-critic-pascale-casanova-dies-59.
  4. Pascale Casanova, „Des littératures combatives? Réflexions sur l’inégalité entre les littératures nationales“, in La Nation nommée Roman face aux histoires nationales, hrsg. von Danielle Perrot-Corpet und Lise Gauvin (Paris : Classiques Garnier, 2011), 281–94.
  5. Pascale Casanova, Hrsg., Des littératures combatives: l’internationale des nationalismes littéraires (Paris, Raison d’agir, 2011), 31.

 

Ill.: The Institute of World Literature, Harvard University

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