Cerisy: Neubelebung der Handke-Rezeption in Frankreich

Beiträge, Französisch

Heribert Tommek, „Soziale und ästhetische Zeit: eine Neubelebung der Handke-Rezeption in Frankreich“, zur Publikation vorgesehen in Romanische Studien, Vorabdruck.

Tagungsbericht: „Analyse du temps“. Peter Handke (21.–28. August 2017, Centre Culturel International de Cerisy-La-Salle)

Vgl. die Tagungsankündigung in diesem Blog.

 


Vorabdruck des Tagungsberichts:

Soziale und ästhetische Zeit

Eine Neubelebung der Handke-Rezeption in Frankreich

Tagungsbericht: „Analyse du temps“. Peter Handke (21.–28. August 2017, Centre Culturel International de Cerisy-La-Salle)

Heribert Tommek (Regensburg)

Das „Centre Culturel de Cerisy-La-Salle“ in der Normandie ist ein besonderer Ort des intellektuellen Austausches in Frankreich. Die einwöchigen Kolloquien gehen auf die vom Philosophen und Schriftsteller Paul Desjardins (1859–1940) begründeten „Dekaden von Pontigny“ zurück, die man gemeinsam in der dortigen ehemaligen Abtei diskutierend verbrachte. Zu den prominentesten Gästen zählten André Gide, François Mauriac, Paul Valéry, André Malraux, Paul Claudel, Antoine de Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und T.S. Eliot. Die Gründung und Weiterführung der berühmten Literaturzeitschrift Nouvelle Revue Française ist mit diesem Ort verbunden. Auch deutsche Schriftsteller und Gelehrte wie Thomas und Heinrich Mann, Ernst Robert Curtius, Martin Heidegger und andere hielten sich hier zum geistigen Austausch auf. Es wurde nicht nur gemeinsam philosophiert, sondern auch über politische Fragen der Zeit diskutiert, insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten. Nach dem Krieg führten die Tochter Anne Heurgon-Desjardins und seit 1977 wiederum deren Töchter Catherine Peyrou und Edith Heurgon diese intellektuelle Tradition im Schloss von Cerisy in der Normandie weiter. Wieder zogen die „Wochen“ von Cerisy quasi alle maßgeblichen Intellektuellen und Schriftsteller Frankreichs und darüber hinaus aus aller Welt an. Wichtige Impulse gingen von hier aus, nicht zuletzt Diskussionen zur theoretischen Konstituierung des „Nouveau Roman“.

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Dieses kulturelle Zentrum, das seit 2006 von Edith Heurgon geleitet und von einem wissenschaftlichen Beirat beraten wird, verfolgt für die Zukunft eine verstärkte Ausrichtung auf deutsch-französische Themen, um der besonderen Bedeutung des europäischen Kulturerbes und des intellektuellen Austausches im heutigen Europa, das so viele anti-europäische Stimmen kennt, gerecht zu werden. In diesem Zusammenhang fand vom 21. bis 28. August eine Tagung zu Ehren von Peter Handke anlässlich seines 75. Geburtstages, der im Dezember gefeiert wird, statt. Handke, der seit 1990 in der Nähe von Versailles lebt, ist in besonderer Weise mit der Kultur Frankreichs verbunden. Der größte Teil seines Werkes ist ins Französische übersetzt und viele Texte sind in der „folio“-Taschenbuchreihe bei Gallimard leicht greifbar. Vom Kolloquium sollten nicht zuletzt neue Impulse für die Handke-Rezeption in Frankreich ausgehen. Nicht nur Literaturwissenschaftler, sondern auch Verlagsvertreter (von Suhrkamp kamen der Verlagsleiter Jonathan Landgrebe und der Lektor Handkes Raimund Fellinger, von Gallimard Katharina Loix van Hooff, zuständig u.a. für deutschsprachige Literatur in Frankreich, schließlich Antoine Jaccottet, Leiter des kleinen Verlags „Le bruit du temps“, der auch Handke-Texte verlegt), Archivare (Ulrich von Bülow, Leiter der Archivabteilung des Literaturarchivs Marbach), Dichterkollegen (der belgische und in Frankreich sehr erfolgreiche Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint, der sich von Handkes „Torhüter“-Motiv inspirieren ließ), Schauspieler (Bruno Ganz, André Marcon, Sophie Semin), Filmemacher (wie zum Beispiel Corinna Belz, von der der jüngste biographische Film Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte stammt), Freunde und nicht zuletzt Leser fanden sich im Verlauf der Woche ein, um über das literarische und filmische Werk Handkes zu sprechen.

Das Kolloquium stand unter dem Thema „Analyse du temps“. Mit der Kategorie der Zeit war bewusst eine Spannbreite zwischen ästhetischen und sozialen Bestimmungen aufgerufen, die sich nicht zuletzt in den drei Organisatorinnen – Prof. Dr. Patricia Oster-Stierle (Romanistik, Universität des Saarlandes), Prof. Dr. Mireille Calle-Gruber (Französische Literatur, Université Sorbonne Nouvelle Paris) und Prof. Dr. Ingrid Holtey (Allgemeine Geschichte/Zeitgeschichte, Universität Bielefeld) – widerspiegelte. Damit verbunden war auch eine diskursive Gemengelage zwischen romanistischen, germanistischen und historisch-soziologischen Ansätzen (insbesondere von Pierre Bourdieu), zwischen ‚französischen‘ und ‚deutschen‘ Zugänge zur Literatur, zwischen Ästhetik und Gesellschaft, Form und Funktion. Exemplarisch hierfür war eine Seitendiskussion über den Unterschied zwischen den Fragen „À quoi sert la littérature?“ und „Que peut la littérature?“, die im Zusammenhang mit Handkes Verhältnis zu Sartres Engagement-Begriff in seinem Essay „Qu’est-ce que la littérature?“ (1948) auftrat. Während deutsche, an Bourdieus Kultursoziologie orientierte Teilnehmer keine Probleme mit der Frage „À quoi sert la littérature?“ hatten, brachten französische, an einer ästhetischen Dekonstruktion orientierte Teilnehmer dagegen die Frage „Que peut la littérature?“ in Stellung. Wie sich mit Bourdieu sagen lässt, prallten hier – ohne dass sich die professionellen Objektiver dessen ganz bewusst waren – analytisch übersetzt gesellschaftliche Funktion und ästhetischer Eigenwert der Form in der Auseinandersetzung um die legitime Definition der Literatur zusammen. Weitere unterschwellige und objektive Spannungen gab es zu beobachten, die weniger im Plenum thematisiert als in den Nebengesprächen ausgetragen wurden: So beklagten sich die einen über den soziologischen, vermeintlich schematischen Ansatz von Bourdieu, während andere die Hagiographie des Dichters und das Loblied der ästhetischen Details kritisierten: Kurzum, neben den ‚Hauptgesprächen‘ gab es die wichtigen ‚Nebengespräche‘, die die ‚Woche von Cerisy‘ so ertragreich machten. Erst sie komplementieren die Gespräche über Handkes Werk, denn in ihnen ließen sich überindividuelle Spannungen studieren, die im Gegenstand der Rezeption selbst, den „Belles Lettres“ im Allgemeinen und Handkes Werk im Besonderen, angelegt sind und als konkurrierende Positionsnahmen stets zeitlich und sozial situiert sind.

Die Pole der Spannbreite zwischen einer rein ästhetischen und einer gesellschaftspolitischen Auslegung ließ sich auch – grosso modo – in der zweiteiligen Schwerpunktbildung der Vorträge und wissenschaftlichen Diskussionen in Parallele zu Handkes Werkentwicklung wiederfinden: Während ein erster Schwerpunkt auf den fulminanten, literarisch provozierenden Anfängen von Handke Ende der sechziger Jahre lag (sein rebellischer Auftritt auf der Tagung der Gruppe 47 1966 in Princeton, seine poetologischen Positionsnahme als Bewohner des Elfenbeinturms und das das Illusionstheater annihilierende Sprechstück der Publikumsbeschimpfung), richtete sich ein zweiter Schwerpunkt auf die zunehmend ‚klassische‘ Formen antizipierende Werkphase ab Ende der siebziger Jahre. Drittens und abschließend gab es einen weiteren Schwerpunkt, der Handkes Haltung in den Debatten um die Jugoslawienkriege thematisierte. Hier zeigte sich erneut, wie sehr sich in Handkes Werk ästhetische und gesellschaftspolitische Zeit-Bestimmungen kreuzen.

Die Anfänge der Autorenlaufbahn im deutschsprachigen literarischen Feld der 1960er Jahre skizzierte Heribert Tommek. Methodisch griff er hier auf das Wechselspiel zwischen der Zeitordnung der „longue durée“ des literarischen Feldes, der Persistenz seiner ästhetischen Ordnung einerseits und der „kurzen Zeit“ der gesellschaftlichen und politischen Einflüsse andererseits zurück. Wolfgang Asholt ordnete daraufhin die ersten Werke Handkes, die im Umfeld des „Forums Stadtpark“ in Graz entstanden waren, in die Tradition der Avantgarden ein. Anhand Die Stunde der wahren Empfindung (1975) zeigte Asholt die Spezifika von Handkes „réécriture“ von Paris als letzter ‚mythischer‘ Ort des Surrealismus im Verhältnis zu Breton auf. Norbert Christian Wolf beleuchtete das Verhältnis von Pop, Ästhetik und Politik bei Handke Ende der 1960er Jahre, indem er Pop als generationelles Distinktionsmittel, die ästhetischen Strategien der Grenzüberschreitung und das Verhältnis von Kund und Polemik bei Handke erläuterte. Henning Marmulla und Chloé Chaudet widmete sich den Möglichkeiten und den besonderen Formen einer ‚engagierten‘ Literatur Handkes im Kontext der Studentenbewegung und der „Neuen Subjektivität“. Nicole Colin zeigte die strukturellen Bedingungen auf, wie und wo Handke seinen Platz im französischen Theater-Feld in den 1970er Jahren finden konnte.

Zum zweiten, autonomieästhetischen Schwerpunkt lassen sich folgende Vorträge zählen: Judith Sarfati Lanter legte die zentrale Bedeutung der Wahrnehmung in Handkes Werk dar. Sie konnte dabei auf ihre instruktive Arbeit von 2013 zurückgreifen, in der sie u. a. Handke mit Claude Simon verglich. Patricia Oster-Stierle betonte die zentrale Stellung der „Nebensachen“ für die Entfaltung ästhetischer Erfahrung in Handkes Werk. Sie legte dar, wie sich die „objets trouvés“ in einem ästhetischen Prozess der Öffnung temporalisieren und kontextualisieren und zog einen Vergleich zu Yves Bonnefoy. Ralf Zschachlitz thematisierte das Verhältnis Handkes zu Walter Benjamin anhand der Kategorien der „temporalité esthétique“, der „durée“ und „durabilité“ sowie der „épiphanie“. Auch er hat hierzu bereits 1990 eine umfassende Habilitationsschrift auf Französisch vorgelegt. Mireille Calle-Grubers Vortrag handelte kongenial von der Benennung der Schönheit insbesondere in der Lehre der Sainte-Victoire (1980). Lore Knapp versuchte, die Metamorphosen der literarischen und theologischen Formen bei Handke aufzuzeigen. Karlheinz Stierle, der Handke aus Zeiten der Petrarca-Preisverleihung kennt, widmete sich der dreiteiligen poetologischen Struktur von „lieu“, „non-lieu“ und „contre-lieu“ insbesondere in Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994). Ulrich von Bülow führte konkrete Beispiele der Schreibweisen und Zeichnungen in den Notizbüchern Handkes vor. Raimund Fellinger beleuchtete Handke als Brief-Autor und dessen Verhältnis zum Verleger Siegfried Unseld.

Abschließenden Kulminationspunkt des wissenschaftlichen Gesprächs bildeten dann die Vorträge von Ingrid Holtey und Christian Luckscheiter. Holtey stellte sich dem immer noch brisanten und von vielen Teilnehmer gemiedenen Thema der Stellungnahmen Handkes zu den Serbien-Kriegen und zu Slobodan Milošević. Sie situierte Handke in der Tradition der eingreifenden Intellektuellen, die den gesellschaftlichen ‚Skandal‘ mit den sprachlichen Mitteln der Kunst ‚skandalisieren‘, indem sie für andere Sicht- und Wertungsweisen gegenüber einer dominanten, kriegstreibenden öffentlichen Meinung eintreten. Allerdings bestehe die Besonderheit Handkes darin, dass er sich dieser Mittel des in seine Zeit ‚eingreifenden Schreibens‘ ausschließlich ästhetisch bediene und ein engagiertes „J’accuse“ in der Tradition Zolas explizit ablehne. Luckscheiter schließlich stellte die ‚friendensstiftende‘ Konzeption der Ästhetik der kleinen Dinge und Details heraus, die Handkes Werk charakterisieren, insbesondere diejenigen, die den Zerfall Jugoslawiens und die Zerstörungen der Kriege thematisieren.

Den Abschluss der ‚Gesprächswoche‘ leiteten Lesungen von engen Freunden und langjährigen Weggefährten in Anwesenheit von Peter Handke ein. Die Schauspieler Bruno Ganz, André Marcon und Sophie Semin lasen jeweils Werkauszüge auf Deutsch und auf Französisch. Besonders eindrucksvoll war die Lektüre von Handkes Frau, die einen vom Autor auf Französisch verfassten Text vortrug. Er handelte von einer anschwellenden Klage einer Frau gegenüber einem in seinen Sphären lebenden Mann, der Semin eine besondere Stimme verlieh.

Den Abschluss bildete ein Gespräch, in dem Handke mit einer besonderen Klarheit und Eindringlichkeit Grundzüge seiner Poetik im Verhältnis zur Gegenwart benannte: Während die meisten Autoren heutzutage Romane als „Zeitchroniken“ im Realismus-Stil anstrebten, verstehe er sich als „Erzähler“ im Sinne des Epischen. Es sei nicht die Sprache an und für sich, die ihn interessiere, sondern die „epische Sprache“ oder das „rhythmisierte Erzählen“, deren Formen er immer wieder neu suche. Aber auch das heutzutage so populäre pseudo-epische Erzählen der Mündlichkeit strebe er nicht an, sondern das schriftlich-stumme epische Erzählen in langen Sätzen. Was das Verhältnis von Dichtung und Geschichtsschreibung angehe, so sei Sallust ihm immer wieder Vorbild. Dieses epische Erzählen sei aber heutzutage vom Zeitgeist sehr bedroht. Die Abgrenzungen, die Handke hier vornahm, erinnern an Benjamins Erzähler-Aufsatz, in dem Benjamin bereits Mitte der 1930er Jahre das Ende des Erzählens und das Aussterben der epischen Wahrheit angesichts des neuen, kurztaktigen Zeitrhythmus der journalistischen Information feststellte. Der Roman seiner Zeit war für Benjamin Ausdruck der „tiefe[n] Ratlosigkeit des Lebenden”. Wenn diese Konstellation auch heute noch zutrifft, so stellt sich wie schon zu Zeiten Benjamins, Döblins, Brochs und anderer die Frage, ob und wie das epische Erzählen den veränderten Zeiten gerecht werden kann.

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Fazit: Die „Analyse der Zeit“ in der Woche von Cerisy war eine wichtige, vielleicht für das Verhältnis von Handke zu Frankreich besondere und einmalige Begegnung. Wie sehr das Verhältnis Handkes zu Frankreich seit den Diffamationen, die er in einem französischen Artikel zu Zeiten des Serbien-Krieges über sich lesen musste, noch immer belastet ist, zeigt Handkes abschließende Bemerkung, dass er noch immer auf eine Entschuldigung Frankreichs (wohlgemerkt nicht des betreffenden Journalisten) warte. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie sehr das Ästhetische in die politisch-gesellschaftliche Zeit eingesponnen und von ihr angreifbar ist. Das Gespräch zwischen dem Autor und den Lesern (seien sie professionelle oder „Amateure“ im wörtlichen, französischen Sinne) führte durch die geschilderten Spannungen hindurch zu einem – um es mit Handke zu sagen – „Versuch über den geglückten Tag“. Die für 2018 zu erwartende französischsprachige Publikation der Tagungsbeiträge und zusätzlicher Materialien zum Autor und Werk lässt eine Neubelebung der Rezeption von Handkes Werk in Frankreich erwarten.


Ill.: „AUTOR, LEKTOR, AUTOR, LEKTOR, … Ein Schnappschuss von Peter Handke und seinem Lektor Raimund Fellinger, die am Wochenende auf einer Tagung in Cerisy waren.“ Suhrkamp Verlag (Dank an die Fotografin Patricia Oster-Stierle!)

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