Digital Humanities und die Transformation der Geisteswissenschaften (S. Issel-Dombert)

Beiträge, Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Spanisch

Sandra Issel-Dombert, „Digital Humanities und die Transformation der Geisteswissenschaften: Zur Einführung von Fotis Jannidis, Hubertus Kohle und Malte Rehbein“, Rezension erscheint in Romanische Studien, Vorabdruck.

Rez. von Fotis Jannidis, Hubertus Kohle und Malte Rehbein, Hrsg., Digital Humanities: eine Einführung (Stuttgart: J.B. Metzler, 2017), 370 S.


Vorabdruck der Rezension

Digital Humanities und die Transformation der Geisteswissenschaften

Zur Einführung von Fotis Jannidis, Hubertus Kohle und Malte Rehbein

Sandra Issel-Dombert (Kassel)

Fotis Jannidis, Hubertus Kohle und Malte Rehbein, Hrsg., Digital Humanities: eine Einführung (Stuttgart: J.B. Metzler, 2017), 370 S.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Netzes ist so weitreichend, dass der UN-Menschenrechtsrat den freien Zugang zum Internet zum Menschenrecht erklärte.[1] In den Geisteswissenschaften wird die Wirkmächtigkeit der Digitalisierung als data turn bzw. computational turn bezeichnet, um den Stellenwert dieses Paradigmas herauszustellen, der für viele Fachdisziplinen einschneidende Veränderungen nach sich zieht – z. B. in Art und Umfang der Daten, den Möglichkeiten ihrer Auswertung und der Eröffnung neuer Fragestellungen – im Sinne einer Ergänzung altbewährter philologischer Arbeitsweisen. Als eigener Forschungszweig, der Digitalisierung und Vernetzung in den Fokus rückt, und der an der Schnittstelle zwischen Geisteswissenschaften und Informatik beheimatet ist, haben sich die Digital Humanities herausgebildet, die in jüngster Zeit in zahlreichen Sammelbänden aufgearbeitet wurden.[2] Auch in der Romanistik sind sie im Aufwind, wie das 2010 in Frankreich erarbeitete Manifeste des Digital humanities[3] bezeugt oder die Arbeitsgruppe Digitale Romanistik[4] des DRV.

Eine Bestandsaufnahme der Digital Humanities, die fünfzig Jahre Forschungsgeschichte Revue passieren lässt, legt der 2017 von Fotis Jannidis (Würzburg), Hubertus Kohle (München) und Malte Rehbein (Passau) herausgegebene Band Digital Humanities: eine Einführung vor. Er richtet sich an Studierende sowie an Forschende und vereint Beiträge, die in fünf Themenkomplexe (I Grundlagen, II Datenmodellierung, III Digitale Objekte, IV Digitale Methoden, V Ethik und Recht) strukturiert und in 25 Teilkapitel untergliedert sind. Jedes Kapitel wird durch eine kurze Bibliographie abgeschlossen. Die Wahl und Bandbreite dieser thematischen Schwerpunkte trägt dem in der Präambel konturierten konzeptionellen Zuschnitt Rechnung, in dem die Herausgeber die Digital Humanities als „Transformationswissenschaft“ einordnen, die „die von ihr entwickelten Theorien, Methoden und Verfahren den geisteswissenschaftlichen Fachdisziplinen zur Nutzung anbieten“ (XI). Die Autoren stammen folgerichtig aus beiden Disziplinen, auch wenn der Schwerpunkt auf Seiten der Informatik und Technik liegt.

Im einleitenden Teil (Grundlagen) arbeitet in Kap. 1 und 2 back to the roots Manfred Thaller die Geschichte der Digital Humanities auf. Diese datiert er zurück bis ins Jahr 1940 und nimmt den als Vater der Digital Humanities und Computerlinguistik geltenden Padre Robero Busa zum Ausgangspunkt: Dieser erarbeitete Rahmen seiner Dissertation zu Thomas von Aquin einen Index, in dem die Lexik des Heiligen auf rund 10.000 Karteikarten dokumentiert wurde. Diese Konkordanz wurde infolge einer Zusammenarbeit mit IBM zum Index Thomisticus entwickelt, dem ersten maschinenlesbaren Korpus. Exemplarisch wird mit dieser Pionierarbeit fundamentale Kritik zurückgewiesen, da mit dem Gründungsmythos die Einsicht verbunden ist, dass sich der Ertrag der Zeitersparnis und der Arbeitserleichterung nicht als einzige Nutzwerte herausstellen. Vielmehr wird, insbesondere im ersten Kapitel, der methodische Mehrwert ins Zentrum gerückt, den der neue Blickwinkel mit sich bringt: die Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für unauffällige sprachliche Phänomene wie etwa Synsemantika – Wortarten ohne lexikalische Bedeutung, mit rein grammatischer Funktion. Auch ‚alte‘ Fragen der Autor- und Urheberschaft sowie des Stils werden hierbei erhellt. Dabei wird betont, dass sich die Digital Humanities seit ihren Anfängen nicht auf den Text als Objekt beschränkten, sondern dass sie multimodal gedacht sind und von ihrer Anlage her über die Grenzen von Disziplinen hinausreichen und somit an eine Vielzahl geisteswissenschaftlicher Disziplinen anknüpfen. In Kap. I.3 von Ramón Reichert wird die Genese der Digital Humanities noch weiter vertieft, bis ins 10. Jahrhundert, und Denkansätze aus dem Zeitalter des Barocks, die bis heute prägend sind, werden in ihren Filiationen aufgeschlüsselt. In diese anhand von Schlüsseltexten und Meilensteinen problemorientierte Aufarbeitung der Digital Humanities im Spannungsfeld von Technik – Gesellschaft – Kultur ist außerdem in eine Diskussion digitaler Theorien und Methoden eingebettet. Eine deutliche Zäsur ist ab dem darauf folgenden Kap. I.4 von Harald Klinke (Aufbau eines Computers und Vernetzung) zu verzeichnen, das den Fokus stärker auf technische Grundlagen lenkt, ohne dabei Vorwissen zu verlangen. Die technische Schwerpunktsetzung wird auch in den folgenden Kapiteln fortgeführt. Der Bezug zu den spezifischen Anforderungen geisteswissenschaftlicher Anwendungen geht dabei jedoch nicht verloren. Vielmehr werden, insbesondere in den Kapiteln 5 bis 8, für die sich Fotis Janidis verantwortlich zeichnet, typische Szenarien und Fallbeispiele vorgestellt, wie etwa die Annotation eines Briefes (101), um eine Rückbindung und enge Verzahnung zwischen geisteswissenschaftlicher Anforderung und technischer Realisierung zu gewährleisten. Die Ausführungen in Kap. 1.6 liefern einen verständlichen Einstieg in den state of the art des Programmierens.

Das zweite Kapitel (Datenmodellierung) greift den „Kern der Digital Humanities“ (107) auf, indem anhand eines Briefes die Datenmodellierung durch Markup sehr praxisnah illustriert wird. Daran schließt sich ein Überblick über die Organisation von Daten in Datenbanken und ihrer Abfragemöglichkeiten an. Anhand der Kodierung eines Gedichts stellen Georg Vogeler und Patrick Sahle die Auszeichnungssprache XML vor und geben zahlreiche Beispiele, die gerade für Einsteiger sehr hilfreich sind. Netzwerke und deren Analyse als „zentrales Verfahren der Digital Humanities“ werden darauf aufbauend präsentiert. Der Schwerpunkt liegt dabei mit der Graphentheorie auf den mathematischen Grundlagen und auf Maßen. Die Rückbindung an die Geisteswissenschaften gewährleistet Fotis Jannidis, indem er einschlägige Studien angewandter Netzwerkanalyse aus der Sozialpsychologie (Milgram-Experiment), Soziologie (Granovetter-Studie), Literaturwissenschaft (Romananalyse) etc. referiert (157–8). Malte Rehbein schließt das zweite Kapitel mit einem Beitrag zu Ontologien, d. h. der Wissensorganisation über Klassifikation der Inhalte, ab.

Den Ausgangspunkt des dritten Kapitels (Digitale Objekte) bildet eine Einführung von Rehbein zur Digitalisierung, die vor allem auf die Bilddigitalisierung und deren Repräsentationsformen (Raster- bzw. Vektorgraphiken) sowie Verfahren (Digitalkameras, Scanner etc.) und Erschließungsmöglichkeiten abhebt. Analog dazu steht im zweiten Teil die Textdigitalisierung (und Objektdigitalisierung) im Fokus. Der Frage des Wandels durch Digitalisierung beim Publizieren widmet sich Hubertus Kohle, indem er einen tiefgreifenden Wandel bei Presse und Buchdruck durch Digitalisierung nachzeichnet. Christof Schöch befasst sich in Kap. 14 mit Digitaler Wissensproduktion und greift in diesem Kontext die bereits in Kap. 2 aufgeworfene Diskussion des Mehrwerts der Digitalisierung an, den er in effizienterem Arbeiten und in der Möglichkeit neuer Fragestellungen sieht; ähnlich argumentiert auch Heike Neuroth in ihrem Beitrag zur Aufarbeitung des kulturellen Erbes in den Gedächtnisinstitutionen Bibliothek, Archiv und Museum in Kap. 15. Beide hinterfragen jedoch dabei auch den Fortschrittsoptimismus, der vielfach mit den Digital Humanities einhergeht (206, 211) und benennen die noch offenen Fragen der digitalen Langzeitarchivierung und des geeigneten Forschungsdatenmanagements (221). Christof Schöchs Artikel zum Aufbau von Datensammlungen gibt dem Leser einen Leitfaden zum Aufbau eines eigenes Korpus und zur Evaluation bestehender Datensammlungen an die Hand, der alle notwendigen Schritte von der Erhebung bis hin zum Verfügbarmachen der Daten umfasst. Der Erstellung einer eigenen Digitalen Edition widmet sich Patrick Sahle im Unterkapitel 17. Für den Nutzer ist dabei auch der Fragenkatalog sehr nützlich, der auf einen Blick gebündelt die zentral zu beachtenden Parameter enthält (242).

Mit einem Beitrag zum manuellen und automatischen Annotieren wird der vierte Teil (Digitale Methoden) ebenfalls sehr praxisbezogen von Andrea Rapp eingeleitet. Zunächst wird der Charakter des Annotierens als historisch tradierte Methode herausgestellt, bevor Annotationsverfahren und Standards zur Evaluierung der Qualität präsentiert werden. Nachdem in den vorangegangenen Teilkapiteln der Fokus auf dem Aufbau von Korpora und ihrer Auszeichnung lag, widmet sich Kap. 19 der Auswertung. Den Beitrag zum Information Retrieval, das sich dem Auffinden von Informationen in Daten über vorstrukturierte Einheiten wie z. B. Metadaten widmet, steuert Harald Klinke bei. Christof Schöch geht im darauffolgenden Teilkapitel 20 auf statistische Verfahren und maschinelles Lernen ein, das er unter quantitativen Verfahren zusammenfasst. Den für zahlreiche geisteswissenschaftliche Disziplinen relevanten spatial turn erarbeitet Armin Volkmann mit einem geografischen Schwerpunkt, den er am Beispiel von Kartenmaterial auf die Visualisierung räumlicher Informationen legt. Daran schließt in Kap. 22 ein Beitrag von Hubertus Kohle an zu Rekonstruktion, d. h. beispielsweise zur Wiederherstellung einer unleserlich gewordenen Handschrift, sowie zu Simulation, bei der es darum geht, entweder ein historisches oder ein zukünftiges Szenario darzustellen. Malte Rehbein schließt den Schwerpunkt zu digitalen Methoden mit einem Beitrag zu Visualisierung ab. Alle methodischen Beiträge zeichnen sich durch ein hohes Reflexionsniveau aus, das sich nicht nur auf die (geisteswissenschaftliche) Anwendung beschränkt, sondern auch den (bereits vollzogenen) Wandel durch Digitalisierung in den verschiedenen Einsatzbereichen in den Blick nimmt und so das Profil der Digital Humanities schärft.

Der letzte Teil V (Ethik und Recht) berührt mit ethischen und rechtlichen Problemen einen Gegenstandsbereich, der bislang ein Schattendasein fristete. Die Kapitelautoren Eric Steinhauer (Kap. 24), Malte Rehbein und Christian Thies (Kap. 25) schätzen den Stellenwert juristischer Fragen als zentral und über eine rein hilfswissenschaftliche Größe hinausgehend ein, da sie den Umgang mit digitalen Inhalten maßgeblich bestimmen und damit tragend für die Frage der Entwicklungsrichtung der Digital Humanities sind (351).

Abgeschlossen wird der Band durch eine mit einer Seite äußerst knapp ausfallenden „Allgemeine[n]“ und „Fachspezifisch[en]“ Auswahlbibliographie (361) sowie der Auflistung einschlägiger Fachzeitschriften (362). Als ergänzendes digitales Angebot ist über die Verlagshomepage ein kostenloser Zugriff auf weitere Beispiele und Übungsaufgaben mit Lösungsskizzen eingerichtet.

Etwas redundant sind Doppelungen ohne Querverweise zu anderen Kapiteln, die den gleichen Gegenstand berühren (wie z.B. bei Crowdsourcing, 260; TEI, Kap. 17, die zumindest aufeinander verweisen sollten). Insgesamt lösen die Herausgeber ein, was sie einleitend versprechen: Die Digital Humanities werden multiperspektivisch und auf hohem Niveau aufgearbeitet. Der Band hat den Charakter eines Handbuchs, das sich zum Nachschlagen von – durch Fettdruck bzw. graue Kästen hervorgehobenen – Grundbegriffen und Standards eignet, da die Kapitel für sich stehen und somit auch unabhängig voneinander erschließbar sind. Lesenswert macht die Einführung nicht nur der Stil, der auf Verständlichkeit abhebt, sondern vor allem der praxisnahe Bezug, mit dem technische Grundlagen aufbereitet werden, ohne die Orientierung am Nutzen für die Geisteswissenschaften zu verlieren. So wird mit dem Band ein differenzierter und profunder Zugang zum aktuellen Stand des jungen Feldes der Digital Humanities geschaffen, der als Standardwerk bezeichnet werden kann.

  1. Bei allem Fortschrittsoptimismus, der mit dem Internet und der Digitalisierung einhergeht, sollen nicht die Schattenseiten ausgeblendet werden: Internet bedeutet nicht per se und automatisch mehr Demokratie, Freiheit und Fortschritt, wie einschlägig Anita Gohdes aufzeigt: „Repression in the Digital Age: Communication Technology and the Politics of State Violence“, Diss., Univ. Mannheim, 2014, https://ub-madoc.bib.uni-mannheim.de/37902. Sie geht staatlicher Gewalt im Zeitalter der Digitalisierung und massenmedialer Vernetzung nach. Bezogen auf die Digital Humanities als technische und methodische Ressource, die den Geisteswissenschaften zur Verfügung gestellt werden, kommt dieser Aspekt auch zum Tragen und wird v. a. in den Kapiteln 2, 14 und 15 aufgegriffen.
  2. Zu nennen sind zum Beispiel Claire Warwick, Melissa Terras und Julianne Nyhan, Digital Humanities in Practice (London: Facet Publishing, 2012); Melissa Terras, Julianne Nyhan und Edward Vanhoutte, Defining Digital Humanities: A Reader (London: Ashgate, 2013); David Gugerli, Michael Hagner, Caspar Hirschi, Andreas Kilcher, Patrizia Purtschert, Philipp Sarasin und Jakob Tanner, Digital Humanities (Zürich: Diaphanes, 2013).
  3. https://tcp.hypotheses.org/category/manifeste, letzter Zugriff am 01.09.2017.
  4. http://www.deutscher-romanistenverband.de/der-drv/ag-digitale-romanistik, letzter Zugriff am 01.09.2017.

Ill.: OpenEdition, Manifeste des digital humanities

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