Houellebecq, Literaturkritikauswahl zu Serotonin

Französisch, Notizen

Am vergangenen Wochenende protestierten wieder mehr als 50 tausend Menschen auf Frankreichs Straßen gegen die Reformpläne ihres Präsidenten. Es ist der Aufstand der Provinz. Und es scheint so, als hätte der in Frankreich hymnisch gefeierte Autor Michel Houellebecq in seinem gerade erschienenen neuen Roman „Serotonin“ die Wirklichkeit mal wieder vorweggenommen mit einer Szene über normannische Milchbauern, die eine Autobahn blockieren und dann bewaffneten Polizeieinheiten gegenüberstehen. (Online nachhören)

hr2 Der Tag, „Gelbe Westen, trostlose Romanhelden – Nachrichten aus Frankreich“

Man muss Houellebecq ebenso gegen den Strich bürsten, wie er seine Leser an der Nase herumführt. […] Wo das Buch auf den ersten Blick endlich geniessbar zu werden scheint, da ist es wahrhaft vergiftet. In die eigentlichen Abgründe schauen wir erst da, wo sie im Nichts zugeschüttet werden.

Roman Bucheli, „Michel Houellebecq zeigt seinen Lesern den Finger“, NZZ

Es wäre also nicht allzu provokant, würde man „Serotonin“ als paulinisches Manifest lesen: Die Ära von Houellebecqs Protagonisten Flaurent-Claude geht zu Ende – hoffen wir, dass danach ein besseres Exemplar von ihm erscheint.

Doris Akrap, „Gekränkte Männlichkeit“, die taz

Das titelgebende Glückshormon Serotonin kann dieser Mann nur noch mit einem neuartigen Antidepressivum erzeugen, an seinem zutiefst sarkastischen Charakter scheint es aber nichts zu ändern. Houellebecq legt Florent an Rassismus, Sexismus und Misanthropie in den Mund, was er eben kann, und zwar oft so platt, dass man es kaum noch als belustigende Provokation nehmen mag […].

Jan Wiele, „Und mit dieser Karikatur soll man nun Mitleid haben?“, FAZ

Endet die Zeit? Endet sie, weil der Mensch zu geringfügig, zu unbedeutend, zu kleinkariert ist, um so etwas Großes wie die Liebe zu begreifen und zuzulassen? Mit dieser Behauptung schließt der Roman. Wir haben gelacht und uns entsetzt. Aber in dem Moment, in dem Michel Houellebecq uns mit unserem lustvollen Kummer allein lässt, wir dem schauerlich-schönen Klagegesang des Erzählers entkommen sind, fassen wir eigene Gedanken. Er wird nicht springen. Jemand wird ihn halten. So wird es sein. Oder?

Alexander Solloch, „Serotonin“ – Neuer Roman von Michel Houellebecq, NDR

Aber auch das ist etwas Neues: Houellebecq, der je nach Quellenlage 60 (eigene Angabe) oder 62 Jahre (nach Auskunft seiner Mutter) alt ist und im vergangenen September sehr ordentlich angezogen geheiratet hat, tritt in seinem siebten Roman zum ersten Mal altmeisterlich auf der Stelle. Er greift auf sein Urmaterial zurück, auf die alten Fragen und die alten Antworten, über die nichts geht: Tod, Dekadenz, Calvados, Fellatio, Tourismus, Gastronomie, Einsamkeit, Depression.

Iris Radisch, „Jetzt wird es ernst“, Die Zeit

Nur eines wirkt echt: der Lebensschmerz. Die Trauer um Camille, seine große Liebe, die er aufgrund eines dämlichen Seitensprungs verloren hat und der er nun hinterherreist. In ihm reift der wahnsinnige Plan, ihren Sohn zu erschießen, um sie so für sich zurückzugewinnen. In diesem Schlussteil zeigt Houellebecq, was er kann, Krimi, Groteske, Liebesroman, Sozialreportage, alles wird angespielt und zitiert […]

Alex Rühle, „Der Prophet des Untergangs“, Süddeutsche Zeitung

Konsequent hat Houellebecq jedenfalls die jüngeren Publikationen zum gesellschaftlichen Zustand des Landes verfolgt, darunter auch Luc Boltanskis und Arnaud Esquerres „Bereicherung. Eine Kritik der Ware“. Im Anschluss an die Forschungen von Laurent Davezies („La Republique et ses territoires“) und die „unsichtbare Verteilung des Reichtums“ blickt Houellebecq auf die Umgestaltung der Ränder eines Landes, dorthin, wo sich die „produktive“ Grundlage der Gesellschaft in eine „residentielle“ entwickelt hat.

Gerald Heideger, „Houellebecq schickt Frankreich in die Hölle“, ORF

In Frankreich ist er als rechtskonservativer Schriftsteller wahrgenommen worden, weil er vor allen Dingen als Provokateur auftrat und einer, der unkontrollierbar ist mit seinen homophoben Äußerungen, mit seinen misogynen Äußerungen, mit seinen islamkritischen Äußerungen. […] Warum in Deutschland die Linke sich so sehr um ihn bemüht, ich bin sehr gespannt, wie sie jetzt mit diesem neuen Roman umgehen will, darüber kann ich nur spekulieren.

Jürgen Ritte, „Das Phänomen Michel Houellebecq: Posieren und Clownerie“, DLF

Der gedankliche Kern des Romans allerdings behandelt nicht die Frage nach dem Glück, sondern die Entwicklung der französischen Landwirtschaft. Labrouste hat bei Monsanto gearbeitet, war beim Vermarktungsverband der Normandie für Käse zuständig, und er war Vertragsmitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums. Der Einsatz für heimische Produkte scheint aussichtslos, die Handelsfreiheit gilt den Behörden als hohes Gut.

Cornelia Geißler, „Warum Michel Houellebecq Pornografie mit Landwirtschaft verknüpft“, Berliner Zeitung

Et c’est d’autant plus efficace que Houellebecq est facile à lire. Au début, ses livres rappelaient le naturalisme par leurs allées et venues entre la fiction et les morceaux didactiques empruntés aux sciences naturelles ou sociales. On n’avait pas besoin d’avoir rien lu depuis Zola, ou depuis les romans à thèse de Bourget, comme Proust, Sarraute ou Sollers, pour se sentir en terrain familier (sauf les bites et les chattes à tour de pages).
Par la suite, la narration s’est encore simplifiée, se réduisant à un récit épisodique.

Antoine Compagnon : « La langue plate et instrumentale de Houellebecq », Le Monde

Justine Bo : „Il n’y a aucun échappatoire, si ce n’est la sérotonine. Le personnage est pris dans un immobilisme, un silence total. Le chaos mange le personnage
Alexandre Gefen: „C’est le roman le plus noir et nihiliste de Houellebecq. Les femmes sont des araignées venimeuses, les hommes sont dépressifs, potentiellement dangereux et criminels. Les campagnes sont les plus moches du monde et les villes sont invivables…

Michel Houellebecq, écrivain prophétique ? France Culture

De fait, Michel Houellebecq n’a depuis jamais accordé aucune interview où il appelait à la guerre civile pour éliminer l’islam de France ni à voter pour Le Pen. A l’inverse même, interrogé sur ses opinions politiques entre les deux tours de la présidentielle de 2017 sur le plateau de l’Emission politique, Houellebecq avait répondu : «Que je le veuille ou non, je fais partie de la France qui vote Macron parce que je suis trop riche pour voter Le Pen ou Mélenchon. Et comme je ne suis pas un héritier, je n’appartiens pas à la classe qui vote Fillon.»

Robin Andraca, „Houellebecq a-t-il appelé à la guerre civile et à voter pour Marine Le Pen ?“, Libération

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