Les villes divisées

Beiträge, Französisch

Teresa Hiergeist, „Die Stadt als Brennpunkt der Pluralität und Ungleichheit: zum interdisziplinären Sammelband ‚Les villes divisées‘“, Vorabdruck der Rezension für Romanische Studien

 

Die Stadt als Brennpunkt der Pluralität und Ungleichheit

Zum interdisziplinären Sammelband Les villes divisées

Teresa Hiergeist (Erlangen)

Les villes divisées: récits littéraires et cinématograpiques, hrsg. von Véronique Bontemps, Franck Mermier und Stephanie Schwerter (Paris: Septentrion, 2018).

Die Moderne zeichnet sich durch eine wachsende Autonomisierung und funktionale Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme aus,[1] die in der Gegenwart ihren (vorläufigen) Höhepunkt erreicht hat.[2] Die unterschiedlichsten politischen, ökonomischen, sozialen, ethnischen, religiösen und kulturellen Interessen koexistieren neben- und konkurrieren miteinander, ohne dass es eine Metaposition gäbe, von der aus sie überschau-, lenk- oder gar kontrollierbar wären.[3] Es sind demnach unablässig Debatten zur Verhandlung der Reibungen, Spannungen und Konflikte, die sich hieraus ergeben, im Gange. Dies macht sich in der Großstadt in besonderer Weise bemerkbar: Da sich hier verschiedene Realitätsversionen, Normvorstellungen und Identitätskonstruktionen auf engem Raum begegnen, häufen sich Aushandlungsprozesse in besonderer Weise.[4]

Der 291 Seiten starke französischsprachige Sammelband Les villes divisées nimmt sich mit seinen 16 Beiträgen zu literarischen und filmischen Inszenierungen von europäischen, nord- und lateinamerikanischen und nahöstlichen Großstädten dieses hochaktuellen Themas an, betrachtet dabei vorrangig die diskursive Verhandlung und Verräumlichung dabei entstehender Spannungen und Verwerfungen (17). Diese Fokussierung auf die Konfliktivität des urbanen Zusammenlebens birgt zwar die Gefahr, ein problematisches Stadtbild zu konturieren, das bestehende Differenzen zementiert; nichtsdestotrotz erweist sie sich ob der großen gesellschaftlichen Brisanz der Spaltungen durchaus als gerechtfertigt, denn gerade in Frankreich hat die (teils skandalisierende) Diskussion um den Verlust der Einheit in den vergangenen Jahren in den Medien und öffentlichen Debatten Hochkonjunktur und provoziert den Unmut derjenigen, deren Rechte zugunsten der institutionellen Homogenisierungsbemühungen vernachlässigt werden (man denke etwa an die Bewohner der strukturschwachen banlieues oder die gilets jaunes).[5] Auch die französische scientific community lässt sich in den letzten Jahren verstärkt auf die Themen ‚Pluralität‘ und ‚Ungleichheit‘ ein, exemplarisch genannt sei hier lediglich das von Patrick Savidan jüngst herausgegebene interdisziplinäre Dictionnaire des inégalités et de la justice sociale (Paris: P.U.F., 2018) genannt, das auf nicht weniger als 1727 Seiten die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammenfasst. Insofern wählt Les villes divisées einen Gegenstand höchster Relevanz.

Neben der (traditionellen, aber nach wie vor zeitgemäßen) Frage, wie in einem so diversen und pluralen Milieu wie der Großstadt sinnstiftende Kohärenz hergestellt werden kann,[6] behandelt der Sammelband vor allem in der jüngeren Gegenwart emergente und deshalb in der Forschung bislang nicht erschöpfend erschlossene Siedlungsformen (wie banlieues, gated communities) und Verhaltensweisen (etwa den Umgang mit Terrorismus und „Drogenkriegen“) und beleuchtet, welche kulturellen Praktiken der Segregation und Marginalisierung, der Vermeidung, Überbrückung und Ambivalentisierung sowie der Konfrontation daran geknüpft sind. In diesem Zusammenhang gelangen zahlreiche Städte (Paris, Berlin, London, Dublin, Belfast, Jerusalem, Ramallah, Kairo, Bogotá, Los Angeles und New York) als kulturgeographische Entitäten in den Blick, denen übergreifende, verbindende Charakteristika zueigen sind. Es liegt mithin ein postnationales Untersuchungsdesign vor, das den methodologischen Patriotismus oder dessen rezentere Ausprägung: die Bindung des Forschungsgegenstands an „Kulturkreise“ zugunsten der Konstituierung eines gemeinsamen Forschungsgegenstands transzendiert und den globalisierten und lokalen Machtdynamiken, den „parastaatliche[n] Organisationen und aufgesplitterte[n] Souveränitäten“, die das Bild der Gegenwart bestimmen, eher entspricht.[7] Dieser innovative Fokus ermöglicht die Suche nach produktiven Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Problemlagen wie etwa die diskursive Hierarchie zwischen Zentrum und Peripherie, die auseinanderklaffende sozioökonomische Schere oder die Kämpfe um die Legitimität unterschiedlicher Gemeinschaftsmodelle. Ein in räumlicher Hinsicht so breite Anlage sieht sich freilich der Schwierigkeit ausgesetzt, mit einer ausgeprägten phänomenalen Heterogenität umgehen zu müssen. Diese begrenzt der Sammelband jedoch mittels der Konzentration auf die rezente Literatur und das Gegenwartskino (zwölf der 15 thematischen Beiträge behandeln den Zeitraum der letzten 20 Jahre, lediglich ein Beitrag über London und Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist entschieden anders gelagert).

Transgressiv verhält sich das Buch nicht nur in Hinblick auf nationale Delimitationen, sondern auch in Bezug auf Fächergrenzen: Literatur- und Sozialwissenschaftler (Anthropologie, Soziologie, Ethnologie, Geographie) auf unterschiedlichem Qualifikationsniveau aus Frankreich, Deutschland und Kolumbien bestreiten ihn gemeinsam, wobei die Interdisziplinarität mehr als ein Lippenbekenntnis ist: Die sozialwissenschaftlichen Beiträge verstehen die Fiktionen, wie Franck Mermier in „Entrer dans la ville par réfraction“ beschriebt, als Stimulanzien der soziologischen Vorstellungskraft, als Träger von sozialem und symbolischem Wissen und Diskursen sowie als Möglichkeit zur Erschließung des Verhältnisses von Individuellem und Sozialem (10–2) und sehen sie mithin als Quellen, die qualitative Forschungen zulassen. Im Gegenzug kontextualisieren die literaturwissenschaftlichen Beiträge ihre Ergebnisse mit sozialwissenschaftlichen Theorien oder interpretieren ihre Beobachtungen zu den narrativen und filmischen Inszenierungen der Städte vor dem Hintergrund des jeweiligen Diskurses über gesellschaftliche Spaltung. Auf diese Weise kommt – unter dem Dach einer kulturwissenschaftlichen Perspektive – ein Dialog zustande, der sich für beide Forschungsfelder als überaus produktiv erweist. Angesichts dessen überrascht es lediglich etwas, dass der eben erwähnte einleitende Artikel dieses ausgewogene Verhältnis nicht umfassend widerspiegelt und vor allem die sozialwissenschaftliche Perspektive auf die Literaturwissenschaften darlegt, während umgekehrt das literaturwissenschaftliche Interesse an den Sozialwissenschaften theoretisch weitgehend unbeleuchtet bleibt.

Den Ausgangspunkt der Beiträge bildet die Annahme einer engen Verflechtung von Territorium und Imaginärem. Der Raum wird – und das gilt nicht bloß für den Aufsatz von Anne Raulin, der dies expliziert – nicht nur ein „simple découpage administatif ou territorial“, sondern „vécu“ (27), eine bestimmte Emotionalität, Bewertung, spezifische Identitäten, Normen und Machtstrukturen sind dem Lefebvreschen Raumkonzept gemäß unlöslich mit ihm verknüpft. Innen und außen verschmelzen in dieser Annäherung, interagieren miteinander und konstituieren sich gegenseitig. Innerhalb dieser pragmatischen Anlage lassen sich die Artikel einteilen in solche, die eher die Druchdringung der sozialen Realität durch das Individuelle fokussieren, indem sie die Großstadt als Ergebnis einer kognitiven Konstruktionsarbeit präsentieren, und solche, die eher die Überformung des Individuums durch das Gesellschaftliche, also seine Durchdringung durch das Diskursive, in den Blick nehmen.

Zur ersten Gruppe gehört etwa Anne Raulins „Franchir la ligne de couleur: dans les pas de Simone de Beauvoir“, das die affektive Tönung der Darstellung New Yorks und vor allem des Ghettos Harlem in L’Amérique au jour le jour (1948) herausstellt; Sobhi Boustanis „La ville du Caire dans les nouvelles de Yûsuf Idrîs“, das für seine untersuchten Texte die Wandlung der Wahrnehmung der ägyptischen Hauptstadt mit dem Grad der Integration eine Fremden in die neue Kultur aufzeigt; Françoise Palleaus „Los Angeles reconnectée: Karen Tei Yamashita, Sesshu Foster et Vanessa Place“, das argumentiert, dass die Diversität und Dynamik der kalifornischen Stadt in Tropic of Orange von Karen Tei Yamashita (1997), Atomik Aztex von Sesshu Foster (2005), La medusa von Vanessa Place (2009) durch die Klammer der Menschlichkeit, Emotion, Kunst und Sprache zusammenzuhalten versucht wird; Sadia Agsous’ „Jérusalem, un espace et une identité chez deux écrivains palestiniens en Israel: Ryad Baydas et Sayed Kashua“, das die Auswirkungen der Territorialkämpfe mit den Israelis auf die Identitätskonstruktionen der palästinensischen Hauptfiguren in Hadiya (2006) und Herzl disparaît à minuit (2005) beschreibt; Élise Brault-Dreuxs „La ville moderniste (Londres, Paris). Quand l’ennui divise“, das die Routine und Diskontinuität als Charakteristika der Urbanität des frühen 20. Jahrhunderts präsentiert; und schließlich Frédérique Amselles „Le Londres de Viriginia Woolf: entre sensible et monumental“, in dem die großbritannische Hauptstadt aus der subjektiven Perspektive der Hauptfigur als zwischen Monumentalität und Fragmentierung oszillierend erscheint.

Der zweiten Gruppe zuordnen lassen sich Mariangela Gasparottos „Ramallah la blonde: récit d’une ville sous tension“, das ausgehend von den kritischen Reaktionen auf die realistische Schilderung der palästinensischen Hauptstadt in den Texten von Abbad Yahya ein Schlaglicht auf das im offiziellen Diskurs recht ideologisch aufgeladene Stadtbild wirft, das sich in Absetzung von der israelitischen Besatzung konstruiert; Gina Paola Sierras „Une ville sous tension: Bogotá à travers deux romans colombiens“, das die in der aktuellen kolumbianischen Gesellschaft virulenten Themen der Ungleichheit und Gewalt, des Drogenhandels und Terrorismus in El ruido de las cosas al caer von Juan Gabriel Vásquez (2011) und Delirio von Laura Restrepo (2004) ebenso wiederfindet wie die narrativen Strategien des Fliehens, Umgehens und Leugnens; Michel Brunets „Poétique de l’hétérotopie urbaine dans The Swing of things de Sean O’Reilly“, das nachzeichnet, wie sich in einem als fragmentiert, krisenhaft dargestellten Dublin die Nachwehen des Nordirlandkonflikts zeigen; Gregor Schuhens „Refus d’accès: fractures sociales et masculinités abjectes dans le cinéma de banlieue“, das La Haine von Matthieu Kassovitz (1998) als Mittel der Exposition und Bewusstmachung des von den Medien perpetuierten Diskursmusters der cité als „espace guerrier“ (121) interpretiert; Christian von Tschilschkes „La ‚zone‘: les quartiers résidentiels fermés comme nouveau sujet dans la littérature et le cinéma hispano-américains“, das die ambivalenten und skeptischen Haltungen des lateinamerikanischen Gegenwartskinos gegenüber gated communities mit deren sozialen Funktionen und Bewertungen abgleicht; Stephanie Schwerters „Belfast entre texte et images“, das die Stadtdarstellung im Roman und in der TV-Serie Eureka Street (1995/1999) gegenüberstellt und aus der Fortentwicklung der Ästhetik eine „évolution vers une métropole européenne plus ouverte“ (169) ableitet; Caroline Fischers „Nox de Thomas Hettche: la nuit du 9 novembre 1989 ou le Mur de Berlin comme plaie béante au coeur de la ville divisée“, das die Expressivität der Wunden und Narben der Figuren in Hinblick auf die Spannungen der politischen Teilung Deutschlands herausarbeitet; Elisa Paolicellis „Femmes marginalisées et espaces urbains divisés dans Keiner liebt mich et Glück“, das aufzeigt, dass in den untersuchten Romanen die Tristesse der Sozialviertel die Verzweiflung der Protagonistinnen bedingt und lediglich durch Empathie und Offenheit durchbrochen werden kann; und schließlich Bertrand Plevens „Frontières et frictions urbaines en scène: comment les fictions cinématographiques contemporaines mettent en (dés)ordre les métropoles“, das in den Bewegungen der Figuren in Wassup Rockers (2005) und Bande de filles (2014) ein Territorialverhalten wiedererkennt, das auch für den Alltag in Los Angeles und Paris konstitutiv ist.

Man könnte vermuten, dass eine Annäherung, die sich so konsequent wie die in Les villes divisées der Verflechtung von Sozial- und Literaturwissenschaften verschreibt, Gefahr läuft, der (theoretischen und methodischen) Komplexität der Einzeldisziplinen nicht ausreichend Rechnung zu tragen. Diese Annahme bewahrheitet sich jedoch nicht. Selbst viele der Beiträge der Autoren anthropologischer, ethnologischer oder geographischer Provenienz bleiben nicht bei der rein inhaltlichen Analyse der Fiktionen stehen, sondern beziehen narrative und filmische Verfahren sowie rhetorische und stilistische Eigenheiten in ihre Interpretationen ein. Etwas weniger thematisiert bleibt bisweilen höchstens die Spezifität der fiktionalen Kommunikation, d. h. die Tatsache, dass sie gesellschaftliche Diskurse nicht nur aufnimmt, sondern auch produktiv abwandelt, dass sie nicht nur eine bestehende individuelle Sicht transportiert, sondern von kommerziellen und ästhetischen Interessen mitbeeinflusst ist. Kapitel, denen der Einbezug dieser literaturwissenschaftlichen Implikationen besonders gelingt, sind etwa das von Christian von Tschilschke, das die Beliebtheit der gated communities im Kino nicht nur mit ihrer Häufung in der Realität korreliert, sondern sie auch mit ihrem expressiven Potenzial, ethische Fragestellungen aufzuwerfen (143), oder das von Stephanie Schwerter, das gleichsam eine Übersetzung der Ästhetiken von Eureka Street vom Roman zum Film vornimmt und damit gerade die Spezifika des Medienwechsels für die Argumentation produktiv macht (bes. 167–9).

Insgesamt liegt mit Les villes divisées ein innovativer und vielfältiger Sammelband zu einem hochaktuellen Thema vor, dem unter einer kulturwissenschaftlichen Fahne eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Literatur- und Medien- und Sozialwissenschaften auf hohem Niveau gelingt, und dessen besonderer Verdienst nicht zuletzt darin liegt, den Beitrag der Fiktion zu aktuellen Debatten um gesellschaftliche Homogenität und Heterogenität und mithin auch die Notwendigkeit literaturwissenschaftlicher Stimmen in diesen zu unterstreichen.

  1. Vgl. Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik: Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 2 (Frankfurt: Suhrkamp, 1981), 226.

  2. Andreas Reckwitz etwa beobachtet seit dem Übergang von der industriellen Ökonomie zum Kulturkapitalismus und der digitalen Revolution einen ausgeprägten Trend zur Singularisierung und sogar zur Etablierung des Pluralen und Heterogenen als sinnstiftender Kategorie, vgl. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten: zum Strukturwandel der Moderne (Frankfurt: Suhrkamp, 2017).

  3. Vgl. Peter Fuchs, Die Erreichbarkeit der Gesellschaft: zur Konstruktion und Imagination gesellschaftlicher Einheit (Frankfurt: Suhrkamp, 1992), 100.

  4. Vgl. Patrick Le Gales, European Cities: Social Conflicts and Governance (Oxford: University Press, 2002), 10.

  5. Vgl. Christophe Guilluy, Le crépuscule de la France d’en haut (Paris: Flammarion, 2016), 10.

  6. Karlheinz Stierle behandelt diese beispielsweise in seiner Geschichte der literarischen Parisdarstellungen, vgl. Karlheinz Stierle, Der Mythos von Paris: Zeichen und Bewußtsein der Stadt (München: Hanser, 1993).

  7. Albrecht Koschorke, Susanne Lüdemann, Thomas Frank und Ethel Matala de Mazza, Der fiktive Staat: Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas (Frankfurt: Fischer, 2007), 384.

Ill.: Fresque s’inspirant de La Liberté guidant le peuple d’Eugène Delacroix

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