La vie intellectuelle en France, Bd. 1 u. 2 (Chr. Charle und L. Jeanpierre)

Beiträge, Französisch

Joseph Jurt, „Vom Glück des Denkens: ein eindrückliches Panorama der intellektuellen Geschichte Frankreichs der letzten zwei Jahrhunderte“, erscheint in Romanische Studien.

Rezension zu Christophe Charle und Laurent Jeanpierre, Hrsg., La vie intellectuelle en France, Bd. I „Des lendemains de la Révolution à 1914“, 655 S.; Bd. II „De 1914 à nos jours“, 915 S. (Paris: Seuil, 2016).


Vorabdruck der Rezension aus Romanische Studien

Vom Glück des Denkens

Ein eindrückliches Panorama der intellektuellen Geschichte Frankreichs der letzten zwei Jahrhunderte

Joseph Jurt (Basel)

Christophe Charle und Laurent Jeanpierre, Hrsg., La vie intellectuelle en France, Bd. I „Des lendemains de la Révolution à 1914“, 655 S.; Bd. II „De 1914 à nos jours“, 915 S. (Paris: Seuil, 2016).

Es handelt sich hier nicht um eine Geschichte der Intellektuellen Frankreichs, wie man zunächst angesichts der Vorarbeiten des Mitherausgebers Christophe Charle vermuten könnte. Hatte er doch schon 1992 eine erhellende Studie zur Geburt der intellectuels (im französischen Sinn als engagierte Intellektuelle) im Kontext der Dreyfus-Affäre vorgelegt (Naissance des ‚intellectuels‘: 1880–19001). Doch in einer späteren Studie (Les Intellectuels en Europe au xixe siècle: essai d’histoire comparée2) orientierte sich Charle nicht mehr an der vorhergehenden normativen Bestimmung der Intellektuellen. Die ‚Intellektuellen‘ als soziale Gruppe konstituieren sich gemäß seiner Analyse schon nach der Französischen Revolution, ohne dass man für die Gruppe schon eine Sammelbezeichnung eingeführt hätte. Berufe, die vorher als sehr unterschiedlich galten, wie Wissenschaftler, Schriftsteller, Lehrer, Journalisten, Studenten, Künstler, Ärzte, Rechtsanwälte, wurden nun als Gruppe wahrgenommen. Die neue Schubkraft dieser Gruppe hatte schon Tocqueville festgestellt.3 Die Gruppe situierte sich in einem intellektuellen Feld, in dem es um die Erringung von symbolischer und kultureller Macht geht, was zunächst ein Kampf um die Bedingungen der Möglichkeit solcher Macht ist, die man im 19. Jahrhundert unter dem Oberbegriff ‚Freiheit‘ zusammenfasste. Dieser sozialgeschichtliche Befund war für Charle ein weiteres Argument, die Geschichte der Intellektuellen im vergleichenden europäischen Kontext ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts zu beginnen.4

Dieser terminus a quo bestimmt auch die vorliegende Darstellung. Es geht in den zwei Bänden auch um die Intellektuellen, aber in einem viel umfassenderen Sinn um das kulturelle Leben. Man konzentriert sich bewusst nicht auf die intellektuellen ‚Idole‘, die in den Medien omnipräsent sind. Die Perspektive wird entschieden ausgeweitet auf den kulturellen Bereich generell: Philosophie, Literatur, Kunst, Musik, Architektur, Kultur- und Naturwissenschaften, politische Ideen. Aus sozialgeschichtlicher Perspektive werden auch Gruppen und Institutionen ins Auge gefasst. Dabei geht es ebenfalls um die internationale Position Frankreichs als Kulturnation sowie um die offizielle Kulturpolitik. Die letztere Position vertritt vor allem der zweite Herausgeber, der Politikwissenschaftler Laurent Jeanpierre, der unter anderem das Werk Entre rayonnement et réciprocité: contributions à l’histoire de la diplomatie culturelle5 mitherausgab.

Es handelt sich hier um ein kollektives Vorhaben. An den beiden Bänden beteiligten sich 130 Forscher; die allermeisten stammen aus Frankreich oder sind an einer französischen Hochschule tätig; nur vier kommen aus den USA, diejenigen aus andern Ländern lassen sich an einer Hand aufzählen; kein Beiträger stammt aus einem deutschsprachigen Land. Wenn sich die Mitarbeiter aus unterschiedlichen Disziplinen rekrutieren, so ist doch ihre Ausrichtung aufgrund der fast exklusiven Herkunft aus der französischen Hochschulkultur stark gallozentrisch. Das erklärt auch die relative Kohärenz der Beiträge.

Originell ist zweifellos die chronologische Ausrichtung. Es war mutig und verdienstvoll, zwei ganze Jahrhunderte ins Auge zu fassen. Diese Option für die longue durée ermöglicht es, sich von der Fixierung auf den aktuellen Zeitpunkt zu lösen und Kontinuitäten zu erkennen. Innerhalb dieses großen Zeitraumes entschied man sich ebenfalls wieder für eine großräumige Untergliederung in vier Zeiträume, die sich bewusst nicht an der politikgeschichtlichen Chronologie orientieren.6 Als erster Zeitraum schält sich der von 1815 bis 1860 heraus. Das Empire libéral ab 1860 und nicht das politische Ende der Zweiten Republik wird als Zäsur gesehen. Die zweite Periode reicht von 1860 bis 1914, die dritte von 1914 bis 1962. Hier erscheint das Ende des Algerienkrieges als wichtiger Einschnitt und damit auch der Beginn eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels, der zunächst im Mai 68 gipfelte. Der letzte Zeitraum erstreckt sich von 1962 bis zur unmittelbaren Gegenwart. Diese Unterstrukturierung in Zeiträume mittlerer Dauer erlaubt es, sich nicht auf bestimmte Ereignisse oder bloß auf ein Jahrzehnt zu fixieren, wie das manchmal in der angelsächsischen Forschung praktiziert wird (the sixties etc.).

Jedes Kapitel folgt nach einer Einleitung durch die Herausgeber einer identischen Untergliederung in vier thematische Einheiten: „espaces publics“, „savoirs et idées politiques“, „estétiques“, „échanges“. Diese identische Strukturierung eröffnet Vergleiche sowie eine transversale Wahrnehmung. Besonders hervorzuheben ist die Rubrik „échanges“. Hier wird systematisch die nationalgeschichtliche Perspektive geöffnet im Hinblick auf die internationale Ausstrahlung, aber auch auf die zahlreichen externen Anregungen, die auf das kulturelle Leben Frankreichs einwirkten. Das ist – für Frankreich – relativ neu und belegt, dass das Konzept einer entangled history auch dort angekommen ist.7 Den längeren Darstellungen in den einzelnen Rubriken folgen kürzere Texte („encadrés et éclairages“), die bestimmte Episoden, Persönlichkeiten, Strömungen beleuchten. Diese typographische Anordnung macht die Lektüre abwechslungsreich, erlaubt es bei einem Punkt zu verweilen oder ihn zu überspringen. Jeder Beitrag wird mit einigen wenigen, immer aktuellen bibliographischen Hinweisen („pour aller plus loin“) ergänzt.

Es ist unmöglich, hier den Inhalt der zwei Bände in extenso zusammenzufassen. Wir müssen uns begnügen, wichtige Kraftlinien herauszuarbeiten. Wenn die Herausgeber die Darstellung mit der post-revolutionären Periode beginnen lassen, so betrachten sie keineswegs 1815 als absolute Zäsur. Darum wird dem ersten Band ein Kapitel des Übergangs vorangestellt.8 Diese Periode erscheint gekennzeichnet durch den Aufstieg der Wissenschaften und der Figur des Gelehrten. Durch die Privilegierung der Wissenschaftler habe Napoleon eine mögliche Gegenmacht (der literarischen und klerikalen Elite) zu verhindern versucht. Aus der Kriegsbeute Napoleons wurden wissenschaftliche und künstlerische Sammlungen erstellt; eine kleine Gruppe von spezialisierten Fachleuten stand an den Staat eingerichteten Institutionen wie des Naturgeschichtemuseums und des Louvre („un musée national et moderne“, 48) vor. Auf lokaler Ebene entstanden wissenschaftliche Gesellschaften, die sich um das archäologische und agronomische Erbe kümmern. Der Gedanke einer „exception de la science française“ (49) wurde selbst außerhalb des Landes akzeptiert.

Gegenüber diesem Vormarsch der Wissenschaft artikulierten sich die Kirche und das Feld der Literatur. Chateaubriand betrachtete in seinem Génie du christianisme die Kirche als Motor der ‚civilisation‘ und das Christentum als „la religion la plus poétique“. Der Schriftsteller behauptete so eine Überlegenheit einer Literatur, die sich an der Ästhetik der christlichen Religion orientiert. Das Zeitalter der Klassik wurde gegenüber demjenigen der Aufklärung aufgewertet (die klassischen Autoren erzielten immer noch höhere Auflagen als die Gegenwartsliteratur). Über den Bezug auf das Mittelalter wurde eine neue Ästhetik entworfen. Gegenüber diesen konservativern Tendenzen vertrat Lamennais eine Art von „science catholique“. Die Versöhnung von Religion und Aufklärung wurde vor allem im französischen Judentum (unter deutschem Einfluss) vollzogen; sie manifestierte sich auch in der Ausbildung einer „science du Judaïsme“.

Wenn dann Napoleon De l’Allemagne von Mme de Staël verbieten ließ, dann auch weil er in ihr „une des figures modernes de la puissance d’opinion qu’est devenu l’écrivain“ (70) sah. Dadurch dass die Autorin die deutsche Kreativität dem französischen Prinzip der Imitation entgegensetzte, erkannte sie der deutschen Literatur die Fähigkeit zu, eine alternative Sicht des Menschen, seiner Werte und der Gesellschaft zu entwerfen. Diese kulturelle Öffnung verdankte sich auch wichtigen Mittlern wie Charles de Villers.

1815–1860

Das erste Hauptkapitel des Ersten Bandes des vorliegenden Werkes ist mit „Le temps des prophéties “ überschrieben. Die Öffentlichkeit wird in dieser Periode nach Gisèle Sapiro durch den Kampf für die intellektuelle Freiheit bestimmt.9 Die Ausdrucksfreiheit wurde wohl 1789 verkündet, aber dann erst nach 1815 promulgiert; die Theaterzensur blieb indes bis 1905 bestehen. Der Kampf für die geistige Freiheit verlief keineswegs linear. Während der Restauration konnten nur in der Fiktion, insbesondere in der Gattung des Romans, soziale Probleme thematisiert werden, die unter dem monarchischen Regime der öffentlichen Diskussion entzogen waren. Konservative Denker wie Bonald und de Maistre, vertraten die Meinung, Schriftsteller seien nicht berechtigt, sich zu sozialen und politischen Problemen zu äußern und sie würden so ihre Macht missbrauchen. Die Kirche, die einen Teil ihres geistigen Einflusses verloren hatte, klagte den Einfluss ‚schlechter Bücher‘ an. Mit den neuen Pressegesetzen erzielten die Liberalen einen Sieg; aber schon 1820 wurde die Pressezensur wieder eingesetzt. Mit der Einführung des Feuilletonromans 1836 in La Presse wurde die Zeitung zum zentralen Träger der Gattung des Romans10; aber auch wissenschaftliche Debatten fanden ihr Echo in der Presse und erreichten so einen neuen Öffentlichkeitsstatus. Unter Charles X. bildete sich im Zeichen der Ausdrucksfreiheit eine Allianz der ‚Fähigen‘ aus, die dank ihres Wissens über Autorität verfügten und sich berechtigt sahen, im Namen des Prinzips der Wahrheit die Institutionen zu kritisieren. Ihre Aktivität war auch am Ursprung der Revolution von 1830. Dann bildete sich mit Hugo, Lamartine, Vigny die Position des poète penseur aus, der die im Aufklärungszeitalter getrennten Funktionen des ‚Denkens‘ und ‚Dichtens‘ zu vereinen suchte. Die Vertreter des art social artikulierten ihre Sozialkritik und jene des l’art pour l’art widersetzten sich einer utilitaristischen Literaturauffassung. Das massive politische Engagement der Schriftsteller im Kontext der Revolution von 1848 stuft Gisèle Sapiro als ein neues Phänomen ein.

Nach dem Scheitern der Revolution wurde die Theater- und Pressezensur bedeutend repressiver; gegen die bekannten Werke von Flaubert, Baudelaire und Sue wurden 1857 Prozesse angestrengt. Als Norm galt eine idealisierende bürgerliche Literatur; realistisches Schreiben wurde als Verstoß gegen diese Norm empfunden. Gautier, Flaubert und Baudelaire gingen keine Kompromisse ein und kämpften unerbittlich für die Autonomie der Kunst. Der Schriftsteller tritt nun, so das Fazit, in Konkurrenz zu anderen Gelehrten wie den Historikern, den Philosophen, den Psychologen. Wenn die Schriftsteller dann mit dem Aufkommen einer Massenpresse, der Professionalisierung des Berufs der Journalisten und der Schließung des Feldes der Politik immer mehr marginalisiert wurden, so überlebte doch ihre prophetische Funktion, die ein Victor Hugo verkörperte:

La figure du prophète […] maintient le prestige de la littérature en exil avec Victor Hugo qui servira de modèle pour les générations à venir et perpétuera, bien après ces années, jusqu’au cœur du xxe siècle, de Zola à Sartre, la croyance au pouvoir invincible du verbe inspiré dans la culture politique française.

Die Ausführungen über den Öffentlichkeitsraum der genannten Periode werden ergänzt durch Kurzbeiträge zum Selbstbild der Schriftsteller (geprägt durch die Pole Markterfolg und Bohème, die später als „emblème de la culture françaie“ [271] bezeichnet wird ), zur Bedeutung des Rhetorikunterrichts im Gymnasium, zur juristischen Kultur, zu den Varianten des politischen Liberalismus, der aber trotz Guizot und Tocqueville nie zu einer breiten Zentrums-Bewegung wurde, zur Gattung des Chansons, das mit Béranger große Resonanz fand.11

Der zweite große Abschnitt zu dieser Periode gilt der Wissensproduktion und den politischen Ideen. Im Bereich der Naturwissenschaften setzte sich die analytische Methode durch; Biologie, Erdwissenschaften und Chemie differenzierten sich als eigenständige Bereiche aus und neue Ingenieurschulen wurden geschaffen. Die Sozialwissenschaft stützte sich auf statistische Untersuchungen. Im Bereich der Ideengeschichte wird neben einer konservativen Tendenz der katholischen Kirche auch ein „Néocatholicisme“ vermerkt, so in Saint-Simons Le Nouveau Christianisme (1825), sowie eine liberale Tendenz, die Lamennais in seiner Publikation L’Avenir vertrat, aber auch eine sozialkritische Ausrichtung. Die Geschichtswissenschaft wurde zu einer neuen Leitwissenschaft, die auch durch die Aufarbeitung der Französischen Revolution aktuelle politische Bezugnahmen hinsichtlich einer republikanischen Politik vorbereitete. Unter dem Second Empire wurde das Fach als potentiell subversiv eingeschätzt und die letzten Bände der Histoire de France von Michelet wurden als Kritik am Regime gelesen. Die meisten Historiker entwarfen zweifelsohne einen grand récit, der die Kontinuität der Nation belegen sollte.12 Wenn deutsche Gelehrte wie Mommsen und Strauss die Annexion von Elsass und Lothringen auch über historische Argumente zu legitimieren suchten, so definierte Renan (gegen Strauss) die moderne Nation ebenfalls mit einem Rekurs auf die Geschichte.13

Die ästhetischen Positionen dieser Periode werden vor allem von Alain Vaillant herausgearbeitet.14 Der Autor sieht das ganze Jahrhundert durch die Romantik bestimmt, die sich sowohl in einer progressiven als auch einer reaktionären Form manifestiert habe. Eine Kunst, die der Moderne entsprechen wollte, übersetzte so gleichzeitig deren komische wie tragische Aspekte. Das werde bei Balzac, aber besonders auch bei Baudelaire sichtbar, dem jede Nostalgie nach der Vergangenheit fern sei und der sich der Gegenwart zu stellen versuche. Nachgezeichnet wird die intensive „Querelle du réalisme“ um Courbet, der von Schriftstellern wie Duranty und Champfleury unterstützt wurde. Der Realismus definierte sich durch sein Objekt, d. h. die ganze Realität, auch die materielle Not, die man nicht mehr zu idealisieren versuchte. Gleichzeitig hebt der Autor die Tatsache hervor, dass Baudelaire, „le poète le plus réaliste“ (240), sich immer des Versmaßes bediente. Auch Flauberts Prosa zeichnet sich durch größte formale Sorgfalt aus. Es sei letztlich nie bloß das Prinzip der Wahrheit, das die ‚realistische‘ Literatur Frankreichs bestimme, sondern der ausgeprägte Vorrang der Form. Diese Tendenz führt der Autor darauf zurück, dass eine „idéologie nationale“ ihre Quelle nicht wie in anderen Ländern in der Volksdichtung sah, sondern im Mythos eines Goldenen künstlerischen Zeitalters, „déjà parvenu à son plus haut développement et identifié au siècle de Louis XIV“ (241). Selbst für Autoren, die sich keineswegs der Vergangenheit verpflichtet fühlten, „la vraie supériorité ne pouvait se signaler que par la manière d’écrire“ (241), eine Konzeption, die bis heute weiterlebe: „Un grand écrivain est celui qui a un style, et […] le style est la marque reconnaissable et presque suffisante de la grande littérature“ (242)15.

Die internationale Dimension des intellektuellen Lebens während dieser Periode verfolgt Jean-Yves Mollier zusammen mit einigen anderen Autoren. Wenn sich die Zeit der Aufklärung mit Voltaire und Diderot durch ihre kosmopolitische Dimension auszeichnete und die Encyclopédie eine europaweite Resonanz fand, so kam dieser Austausch auch nach 1815 nicht zum Erliegen. So wird die Rezeption englischer Zeitschriften wie der Edinburgh Review oder der Quarterly Review erwähnt, die Goethe auch im Zusammenhang seiner Vorstellung einer Weltliteratur erwähnte, die in Frankreich Walter Scott bekannt machte. Auch die 1829 gegründete Revue des deux mondes belegte eine Öffnung gegenüber anderen Ländern. Paris wurde andererseits in der ersten Jahrhunderthälfte zur „capitale de l’exil européen intellectuel“ (308). Erwähnt werden in diesem Zusammenhang Heine und Börne, aber auch Marx, der sich von 1843 bis 1845 in Paris aufhielt, bei seiner Lektüre französischer Historiker das Konzept des Klassenkampfes entwickelte, um später die Frankreichrelevanten Bücher Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848–1850 und Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte zu verfassen. Die europäische Dimension der 1848er-Revolution schlug sich im Kommunistischen Manifest, das von Marx und Engels in diesem Jahr veröffentlicht wurde, nieder: „Avec l’arrivée de Marx et Engels […] on voit s’esquisser une internationale des intellectuels adeptes du socialisme jamais réalisé […]“ (299). Die Werke von Marx wurden allerdings erst in den 1870er Jahren ins Französische übersetzt und fanden erst in den 1930er Jahren in der französischen Universität Beachtung. Aber auch die Werke von Kant und Hegel wurden mit großer Verspätung übertragen.

Die Philosophie in Frankreich zu dieser Epoche, so schreibt Mollier, „surprend par son insignifiance“ (316). Die philosophische Referenz blieb Deutschland, wo an allen Universitäten Lehrstühle für das Fach eingerichtet wurden („Dans l’Allemagne des deux premières décennies du xixe siècle, la philosophie devient une discipline en charge de penser la société allemande, de lui conférer une forme d’universalité symétrique de celle que revendiquait la Révolution française.“ [315]). Victor Cousin, der während acht Monaten in Deutschland war und dort auch Hegel begegnete, wurde zum Sprecher der deutschen Philosophie in seinem Land, die er aber nur eklektisch über sein Interesse für das Denken der Antike und die Ästhetik vertrat.

1860–1914

Das zweite Hauptkapitel des ersten Bandes gilt der Periode vom Empire libéral bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges („Le temps des groupements“). Auch hier wird wieder zuerst – von Christophe Charle – der Bereich der Öffentlichkeit abgesteckt.16 Als charakteristisch für diesen Zeitraum erscheint die Ausweitung der Zahl der intellektuellen Produzenten und gleichzeitig auch ihrer Reichweite, die sie durch die Zunahme der Medien erreichen konnten (1910 zählte man 42 Tageszeitungen in Paris und 252 in der Provinz). Ein wichtiges Datum war 1881, als unter Jules Ferry die absolute Pressefreiheit verkündet wurde. Das intellektuelle Feld emanzipierte sich zunehmend von den staatlichen Institutionen. So wurde die Organisation des Salons ebenfalls im Jahre 1881 der Académie des Beaux-arts entzogen und den Künstlern selber übertragen. Frankreich erschien als „le pays le plus tolérant“ (355). Künstler und Gelehrte trafen sich nun regelmässig in Zirkeln oder bei Schriftstellern („les mardis“ von Mallarmé) oder organisierten sich im Umkreis von Zeitschriften; das Manifest wurde zu einem neuen Medium. Hervorgehoben werden Renan, dessen Vie de Jésus (1863) als „message d’émancipation“ (399) gelesen wurde, sowie Taine, welcher mit seinem Werk De l’intelligence (1870) die Grenzen des Rationalismus greifbar machte. Beide wurden später als Gründerväter der „sciences de l’homme“ betrachtet. Die große Resonanz, die dann Bergson, Durkheim und Jaurès im Bereich der Universität, des kulturellen und politischen Feldes fanden, belegt nach Charle einen bedeutenden Wandel des intellektuellen Lebens in Frankreich und darüber hinaus. Das Denken der drei Intellektuellen sei auch heute noch präsent.

Die Intervention der konservativen Kräfte, vor allem in den 1890er Jahren, wird nicht verschwiegen. Sie manifestierte sich in der Dreyfus-Affäre, die aber dank der Intervention der Intellektuellen (bei der Schriftsteller, Künstler, Hochschullehrer, Naturwissenschaftler eine Allianz bildeten) eine andere Wende nahm:

Cette évolution en faveur de la redistibution de la parole publique et de l’instauration de nouvelles hiérarchies dans l’autorité du discours, commencée avant l’affaire Dreyfus, en fait un terrain d’expérimentation et de validation de ce nouveau pouvoir des intellectuels.

Anlässlich eines Kongresses im Jahre 1872 hatte Quatrefages de Bréau sein Jahrhundert als „le Siècle de la science“ (429) bezeichnet. Nach 1871 wurde die Wissenschaft gemeinhin als Instrument der Regeneration Frankreichs betrachtet. Pasteur wurde mit seinen revolutionären Erkenntnissen zu einer neuen Leitfigur. Die Erkenntnis der Natur der Keime ermöglichte neue Verfahren zur Konservierung von Lebensmitteln, aber auch zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Das 1888 eröffnete Institut Pasteur wurde zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen in anderen Ländern. Die Anthropologie entwickelte sich gleichzeitig zu einer neuen Disziplin. Die Idee einer Hierarchie der ‚Rassen‘ war weit verbreitet; man erkannte jedoch schon früh, dass sich das Konzept einer jüdischen ‚Rasse‘ auf kein wissenschaftliches Fundament stützen konnte, und der Anthropologe Paul Rivet wandte sich darum entschieden gegen jeden Antisemitismus. Die Sozialwissenschaften etablierten sich seit dem Ende des Jahrhunderts an den Universitäten.

Abweichende Stimmen um Bourget, Huysmans und Brunetière verkündeten indes „la banqueroute de la science“17; ihnen trat der Chemiker Marcellin Berthelot entschieden entgegen. Den genannten Autoren folgten Massis und Tarde mit ihrem Pamphlet gegen den „Esprit de la Nouvelle Sorbonne“ (1911), die die Philologie und Soziologie als ‚teutonischen‘ Import brandmarkten. Innerhalb der Theologie wurde die wissenschaftliche Bibelexegese, die abbé Loisy in seinem Werk L’Evangile et l’Eglise (1903) vorlegte, vom Papst als ‚Modernismus‘ verurteilt, was die Stellung der Kirche im intellektuellen Milieu für lange Zeit schwächte.

Relativ ausführlich wird auch das Konzept der „mission civilisatrice“ vorgestellt18, das das französische Kolonialunternehmen inspirierte, ein Konzept, das nicht bloß ein Vorwand gewesen sei und das sich auch auf den Zuspruch der Wissenschaft stützte. Die Dritte Republik empfand sich als Erbin der Aufklärung, ging von einer Hierarchie der Rassen und einem Evolutions-Konzept aus. (Einzig die radikalen Republikaner um Clemenceau widersetzten sich der Kolonisierung). Selbst Jaurès rechtfertigte die Kolonialeroberung, die autoritäre Stammesfürsten absetze – im Namen universeller Werte. Mit dem Aufbau von Infrastrukturen wirke man auch prophylaktisch (etwa gegen Tropenkrankheiten.). Léon Blum sprach von „le droit et même le devoir des races supérieures d’attirer à elles celles qui ne sont pas parvenues au même degré de culture“ (495). Das Konzept der „mission civilisatrice“ erschien so in dieser Epoche „comme un moyen de ‚résoudre‘ la contradiction fondamentale entre des valeurs républicaines fondatrices et des pratiques coloniales foncièrement inégalitaires“ (496).

Die 1860er Jahre erwiesen sich auch für die bildenden Künste als Zäsur, wie das im Abschnitt „Esthétiques“ zu Recht betont wird. 1863 wird mit dem Salon des réfusés als Geburtsjahr der modernen Kunst betrachtet, die sich nun vom Staatsmonopol des Salons löste. Die traditionellen Konsekrations-Instanzen wurden durch das System ‚artiste-marchand-critique‘ abgelöst. Die sich in der Presse und in Ausstellungskatalogen äußernde Kunstkritik spielte nun bei der Schaffung des ‚sozialen Werts‘ der Bilder und mithin des Renommees des Künstlers ein zentrale Rolle. Die Kunstgeschichte wurde mit der Schaffung eines eigenen Lehrstuhls an der Sorbonne im Jahre 1876 eine akademische Disziplin; am Collège de France richtete man ebenfalls zwei Jahre später einen Lehrstuhl für Ästhetik und Kunstgeschichte ein. Taine hatte das Fach schon ab 1864 an der Ecole des beaux-arts mit großem Erfolg gelehrt. Künstler wurden zu zentralen Figuren in Romanen wie Manette Salomon (1867) der Brüder Goncourt oder in Zolas L’Œuvre (1886) und Paris entwickelte sich zu einem internationalen Zentrum der bildenden Kunst. Neue Gattungen wie die Karikatur und die Plakatkunst fanden ein starkes Echo. Die Photographie wurde zunächst als wissenschaftliches Phänomen wahrgenommen. Die Subjektivität der Malerei wurde dem Objektivitätsstatus der Photographie entgegengesetzt und Dichter wie Gautier oder Baudelaire, aber auch Flaubert, für die Imagination die höchste Kategorie darstellte, konnten sich mit dem neuen Medium nicht anfreunden. Auf große Resonanz stieß indes Wagners Musik mit ihrer Leitmotivtechnik sowie dem Konzept des Gesamtkunstwerkes; ihm galt eine eigene Zeitschrift, die Revue wagnérienne.

Blaise Wilfert-Portal spricht für die genannte Periode von einer neuen intellektuellen Geopolitik, die durch die Pole Nationalismus und Kosmopolitismus geprägt wurde.19 Seit den 1880er Jahren wurde der russische Roman rezipiert und vor allem im Avantgarde-Theater spielten skandinavische Autoren wie Ibsen und Strindberg eine große Rolle. Von den nationalistischen Autoren im Umkreis der Action française wurde dieser kulturelle Import aus den „brumes du Nord“ als Verrat am Nationalgeist eingestuft. Von einer generellen ‚Invasion der Ausländer‘ konnte aber keineswegs die Rede sein. 1890 stammten nur 6 Prozent der Studenten aus dem Ausland; ausländische Dozenten konnten nur für Vorträge eingeladen werden; nur wenige nicht-französische Opern wurden aufgeführt. Die Anzahl der aus fremden Sprachen übersetzten Werke war insgesamt sehr niedrig, zwischen 1886 und 1905 waren es kaum mehr als 7 Prozent. Die Kartographie der Herkunftsländer der Übersetzungen hatte sich allerdings sehr stark verändert. Während 1875 die Übersetzungen aus dem Englischen und dem Deutschen drei Viertel der Gesamtzahl ausmachten, so stammte 1905 ein Viertel der Übersetzungen aus dem Russischen, Polnischen und Norwegischen und nur mehr ein Fünftel aus den romanischen Sprachen: „L’image littéraire du monde accessible en français avait donc changé radicalement.“ (584)

Der Anteil der Übertragungen aus dem Deutschen war im Unterschied zu denen aus dem Englischen nicht zurückgegangen. Im Gefolge von Claude Digeon sprach man immer wieder von der „crise allemande de la pensée française“ nach 1870. Nach Wilfert-Portal muss man diesen Befund nuancieren. Das deutsche Denken war schon vorher in Frankreich stark präsent und die Bewunderung der deutschen Universität sei nachher nie total, sondern bloß partiell gewesen. Nach 1895 manifestierte sich eine starke Opposition gegen die deutsche Kultur, der man etwa den Kubismus zurechnete sowie eine Philologie, die man als reine Faktenhuberei betrachtete. Eine eigentliche Anglophilie bildete sich um die Jahrhundertwende auch in der Verwaltung aus, die sich am englischen Lebensstil orientierte, eine Tendenz, die sich mit der entente cordiale von 1904 und vor allem wegen des Beistands der Engländer im Ersten Weltkrieg noch verstärkte. Die Rechte allerdings blieb anglophob. Der intellektuelle Import aus England beschränkte sich auf Kriminalromane oder auf in England marginalisierte Autoren. In diesem zweiten Zeitraum öffnete sich auch die französischen Hochschulen gegenüber dem Ausland. 1914 studierten mehr als 6000 ausländische Studenten in Frankreich; davon waren ein Drittel Frauen, von denen einige als erste in ihrem Fach mit einem Doktorat abschlossen, so etwa 1902 die aus Polen stammende Marie Curie.

1914–1962

Das erste Hauptkapitel des zweiten Bandes behandelt die Epoche vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Kolonialreiches („Le temps des combats“). Trotz der großen Konflikte zeichnete sich nach dieser Analyse das intellektuelle Feld durch eine große Stabilität der Strukturen aus. Die zentrale nationale Rolle von Paris als Ort der Presseorgane und der sich um Zeitschriften organisierenden Intellektuellen-Gruppen blieb bestehen. Die Rolle des Staates im kulturellen Bereich verstärkte sich, was sich in dem 1959 eingerichteten Ministère de Culture manifestierte, dem ein Jahrzehnt ein Intellektueller, André Malraux, vorstand, was als wichtige Etappe zwischen den kulturellen Projekten der 1930er Jahre und den Ambitionen der 1960er Jahre betrachtet wird. Der Vorrang des literarischen Feldes wurde noch evidenter; dessen Struktur wurde sowohl durch eine etablierte wie eine subversive Avantgarde bestimmt, aber auch durch eine mediale sowie die staatsnahe Logik der Académie. Neu war die Figur des in den 1930er Jahren auftauchenden ‚organischen Intellektuellen‘, der sich in den Dienst einer Partei stellt. Sonst aber überwiegen Elemente der Kontinuität. Es entstanden auch kaum neue Verlagshäuser.

Wenn sich innerhalb des literarischen Feldes die vor allem seit der Dreyfus-Affäre virulenten Konflikte zwischen einem ‚linken‘ und einem ‚rechten‘ Lager zu perpetuieren schienen, so setzten sich letztlich die Kräfte der Integration durch. So werden die vorher eher marginalisierten katholischen Intellektuellen mit Bernanos, Mauriac, Mounier und seiner Zeitschrift Esprit, die sich von der Hierarchie der Kirche emanzipierten, ins Feld integriert, ebenso wie die kommunistischen Schriftsteller, die das Konzept einer proletarischen Literatur aufgaben. Gleichzeitig wurde den Intellektuellen immer wieder der Prozess gemacht, meist von Intellektuellen selber, von Bourgets Le Disciple (1889) und Les Déracinés (1897) von Barrès bis zu Drieu La Rochelles Chiens de paille (1944). Diese Kritik sei aber nie so massiv und so grundsätzlich wie in den Vereinigten Staaten gewesen. Bendas Kritik an den Intellektuellen, die sich ins ‚Weltliche‘ einmischten, sei indes ambivalent: „[…] avec La Trahison des clercs la NRF trouve le moyen d’occuper le terrain politique en dénonçant l’engagement politique“ (41). Benda werde heute zu Unrecht als Kronzeuge einer überpolitisierten intellektuellen Szene zitiert „alors qu’il incarne bien plus l’efficacité d’une mise en scène“ (41)20. Wenn die während des Ersten Weltkrieges intervenierenden Intellektuellen des „bourrage de crâne“ angeklagt und 1940 „des mauvais maîtres“21 für die Niederlage mitverantwortlich gemacht wurden (II, 11; 843), so gab es für die beiden Fälle jedoch nur formale Gemeinsamkeiten. Im ersten Fall wurde eine Manipulierung durch die Propaganda (zu Recht) angeklagt, im zweiten wurde über das Sündenbock-Prinzip eine Verantwortlichkeit konstruiert.

Im Abschnitt zur Wissensproduktion wird die Breite der Initiativen während dieser Periode sichtbar. Während das Institut Pasteur (1888) und das Institut Curie (1921) private Stiftungen waren, manifestierte sich der Wille des Staates, Forschung zu unterstützen und zu organisieren mit der Gründung des CNRS im Jahre 1939 (die analoge deutsche Institution, die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, war schon 1920 entstanden). Die Atomforschung im Rahmen des CEA (Commissariat d’énergie atomique) wurde von De Gaulle direkt dem Staat unterstellt. Die wissenschaftliche Kultur inspirierte auch die Literatur (bei den Surrealisten oder Yves Bonnefoy). Bedeutend waren die Revolution der Molekularbiologie sowie der axiomatische Ansatz der Mathematikergruppe Bourbaki (ab 1955).

Zu Recht wird auch die Bedeutung der französischen Epistemologie hervorgehoben, die im Unterschied zum logischen Positivismus des Wiener Kreises mehr die historische Komponente betonte. Der eigentliche Pionier war hier Gaston Bachelard, der entgegen substantialistische Annahmen die Vorläufigkeit der sich entwickelnden wissenschaftlichen Erkenntnisse hervorhob. Ebenso fruchtbar waren die wissenschaftsgeschichtlichen Arbeiten von Koyré und Canghuilhem, die diesen Ansatz weiterführten. Die medizinische Forschung war in Frankreich jedoch keineswegs führend, weil die Mediziner die klinische Tätigkeit bevorzugten. Erst der Intellektuelle und Forscher Robert Debré entwickelte noch während seiner Zeit in der Résistance einen Plan der Reform der Medizin, der erst 1958 zu Gründung von Centres hospitaliers universitaires (CHU) führte.

In den Sozialwissenschaften entwickelte die historische Schule der Annales ab 1929 einen folgereichen neuen Ansatz und die strukturale Anthropologie lieferte mit Lévi-Strauss die „formule princeps“ (165) für dieses Wissensgebiet. Die Fruchtbarkeit der Forschung in diesem Bereich belegt auch die intensive Debatte über Marcel Mauss’ Essai sur le don (1925), die hier nachgezeichnet wird, an der neben Lévi-Strauss auch Georges Bataille, Dumézil, Lacan, Merleau-Ponty, Foucault, Rancière und Bourdieu teilnahmen. In der Kunstgeschichte war lange die deutschsprachige Forschung führend. Eine spezifisch kunstwissenschaftliche Betrachtungsweise setzte sich erst mit Henri Focillons Vie des formes (1934) durch, der sich an Heinrich Wölfflins Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen (1915) orientierte, und auf die Entwicklung des Faches eine nachhaltige Wirkung ausübte.

Die dominante Position, die Sartre von der Libération bis zum Ende des Algerienkrieges im französischen intellektuellen Leben einnahm, ist nach Anna Boschetti Beleg für die Bedeutung, die der „culture lettrée“ nach wie vor zugeschrieben wurde.22 Als „totaler Intellektueller“, der gleichzeitig Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker und Theaterautor war, nahm er eine Stellung à la Voltaire ein, die im arbeitsteiligen System des 20. Jahrhunderts nicht mehr möglich schien. Mit seinem Freiheits- und Subjektkonzept

il] prolonge la conception traditionnelle de la philosophie comme discipline souveraine prétendant exercer un rôle de fondation et de totalisation par rapport aux apports de la science, en particulier des sciences humaines.

Auch im Bereich der politischen Ideen wird für den genannten Zeitraum eine große Stabilität festgestellt. Die Republik wurde kaum in Frage gestellt und gerade während des Ersten Weltkrieges bildete sich eine union sacrée zu ihrer Verteidigung, die letztlich auch von kritischen Autoren wie Romain Rolland und Barbusse nicht in Frage gestellt wurde. Die 1930er Jahren wurden dann bestimmt durch die Auseinandersetzung zwischen Faschismus und Antifaschismus. Die letztere Position sei vor allem von Schriftstellern wie Malraux, Gide, Breton vertreten worden und Enzo Traverso spricht darum von einer „esthétisation de la politique“ (212).23 Diese Einschätzung scheint mir nicht angemessen zu sein. Denn Walter Benjamin meint mit dem Begriff der Ästhetisierung der Politik die Verwendung der Symbole der Arbeiterbewegung (Fahnen, Aufmärsche) durch den Nationalsozialismus, die ihres Inhaltes entleert wurden. Die genannten antifaschistischen Autoren orientierten sich indes an Inhalten; das war eher eine Politisierung der Ästhetik. Eine Ästhetisierung der Politik kann man eher bei Brasillach und Drieu La Rochelle feststellen, die sich von der formalen Perfektion der Parteitage von Nürnberg blenden ließen.24 Gegenüber René Rémond, der im Vichy-Régime ein Konglomerat der verschiedenen Richtungen der französischen Rechten sah und damit eine „‚immunité‘ française à l’égard du fascisme“ (215) suggerierte, beruft sich der Autor auf die These von Zeev Sternhell, nach der der Faschismus in Frankreich mit Barrès und seinem Kult des Chefs früher als anderswo aufgetreten sei. Trotz ideeller Gemeinsamkeiten scheint mir die These, die auch Bernard-Henri Lévy vertritt, etwas anachronistisch zu sein. Man kann Vichy nicht auf dieselbe Ebene wie den Nationalsozialismus und den italienischen Faschismus stellen: Vichy war vor allem die Realisierung des retrograden und republikfeindlichen Programms der Action française, das von den viel radikaleren Pariser Kollaborateuren auch kritisiert wurde. Zu diesen letzteren zählte Céline. Zu seinem Fall schreibt Ivan Jablonka25 nicht zu Unrecht: „La difficulté de faire reconnaître qu’il est à la fois un créateur de langue et un criminel de plume atteste de l’emprise que le ‚sacre de l’écrivain‘ continue d’avoir sur nos esprits.“ (251) Hellsichtige Worte auch angesichts der aktuellen Debatte zu einer Edition der antisemitischen Pamphlete von Céline.26 Ich denke auch nicht, dass man zwischen den Pamphleten und den ‚genialen‘ Romanen völlig trennen kann. Der Kult der körperlichen Perfektion in den Romanen ist mindestens latent rassistisch, und noch expliziter die Figurenzeichnung im frühen Stück L’Eglise.

Im Abschnitt „Esthétiques“ stehen die bildenden Künste im Zentrum. Daniel J. Sherman, einer der wenigen amerikanischen Beiträger, unterstreicht als französische Besonderheit, dass das künstlerische Schaffen sehr stark durch Ideen geprägt sei.27 Er verweist hier auf eine wegleitende Arbeit des Mathematikers Henri Poincaré, La Science et l’Hypothèse (1902). Poincaré betonte in dieser Studie, dass die Euklidsche Geometrie, von der die Technik der Perspektive in der Malerei abgeleitet wurde, eine reine Konvention sei und er widersetzte sich der Idee von Kant, der dreidimensionale Raum sei ein a priori. Darin sieht der Interpret auch einen Ausgangspunkt für die kubistische Raumbehandlung. Gleichzeitig brach diese Richtung mit der Vorstellung, Malerei müsse einen Zeitpunkt repräsentieren, was auch wieder im Zusammenhang mit Bergsons Idee einer subjektiven Zeitwahrnehmung stand sowie mit dem Gedanken, bei der Wahrnehmung des Raumes spiele die Erinnerung eine wichtige Rolle. Der Bezug auf Bergson diente auch dazu, die Norm der Klassik und des griechisch-römischen Erbes in Frage zu stellen. Damit widersetzt sich der Autor auch der von Kenneth Silver in seinem Werk Vers le retour à l’ordre vertretenen These, die avantgardistische Kunst sei während des Ersten Weltkrieges im Zeichen der union sacrée wieder zu traditionellen Formen zurückgekehrt. Aber auch in der DADA-Bewegung seien Ideen zentral gewesen und Duchamp habe sich auf Poincarés Thesen zur Perspektive bezogen. L’Esprit Nouveau von Ozenfant und Corbusier plädierte ihrerseits für eine Kunst, die auf wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten beruhe.

Der Surrealismus versuchte, sich von allen Zwängen zu befreien, die eine rationalistische Tradition festgelegt hatte; Max Ernst, Michel Leiris, Carl Einstein traten in Dialog mit der Ethnographie, wobei Breton bedauerte, dass ein unmittelbarer Kontakt mit einer archaischen Kunst kaum möglich sei:

Cependant, Breton ne renia jamais la dynamique fondamentale du primitivisme, où la synthèse de l’art et des idées passe par le filtre des conceptions que l’Occident se fait de l’Autre, au service d’une exploration plus profonde du moi occidental.

Die Kunst der Zeit von 1945 bis 1962 sei vor allem durch eine individualistische Ausrichtung geprägt, die durch die existentialistische Philosophie noch gestützt wurde. Die Photokunst wurde vor allem durch ausländische Photographen geprägt und in Frankreich lange als angewandte Kunst gesehen und fand darum erst spät den Weg in Museen. Frankreich war indes schon sehr früh ein Land des Films, der auch von Schriftstellern geschätzt und in Filmgeschichten beschrieben wurde. Die intellektuelle Begleitung äußerte sich in den angesehen 1951 gegründeten Cahiers du cinéma, deren Kritiker oft selber wieder Cinéasten wurden, aber auch in der Gründung der Cinémathèque schon im Jahre 1937. Ebenfalls sei die Musik in Frankreich stark eine „pratique intellectuelle“ (330) gewesen. Komponisten wie Honegger und Milhaud arbeiteten mit Schriftstellern, so mit Cocteau, Claudel, Cendrars zusammen.

Als Zentrum der künstlerischen Moderne, als wissenschaftlich-universitärer Attraktionspunkt, als Heimstatt der Intellektuellen verstand sich Frankreich nach wie vor als „la grande puissance culturelle du premier xxe siècle“ (355). Diese Position war aber nun nicht mehr unbestritten; Frankreich wurde durch zwei neue und antagonistische kulturelle Imperialismen – der USA und der Sowjetunio – herausgefordert. Paris blieb zunächst noch ein Anziehungspunkt für Künstler (man denke an Chagall, Soutine, Modigliano), aber auch für nord- und südamerikanische Schriftsteller, die ihre Kanonisierung von französischen Instanzen erwarteten; für Gertrude Stein war Paris „la ville où se trouve le xxe siècle“ (356) und Carpentier bezeichnete das Land als „République internationale des artistes“ (357). Aber ab 1950 brach die amerikanische Malerei mit der Pariser Schule und New York etablierte sich als neue Hauptstadt der Kunst.

Die Wissenschaft wurde nun vermehrt zu einem neuen Instrument der kulturellen Außenpolitik. Zahlreiche Forschungsinstitute wurden im Ausland gegründet, so ein ganzes Netzwerk von Pasteur-Instituten. Die Universität von São Paulo entwickelte sich zu einem wichtigen Außenposten (französische Gelehrte wie Braudel, Lucien Febvre und Lévi-Strauss lehrten dort). Gleichzeitig wurden Strukturen geschaffen, um ausländische Studenten aufzunehmen, so Doktoratsstipendien; schon 1925 entstand die Cité universitaire internationale im Süden von Paris. Frankreich nahm 1920 hinsichtlich der Anzahl von ausländischen Studenten pro Gesamtstudentenzahl den ersten Rang ein. Das vom Völkerbund auch auf Initiative von Bergson ins Leben gerufene Institut International de coopération intellectuelle (IICI) wurde in Paris eingerichtet und die Folge-Institution, die1946 gegründete UNESCO blieb dort.

Wenn schon ab Mitte der 1920er Jahre Stipendien der Rockefeller-Stiftung vielen jungen französischen Forschern einen Aufenthalt in den USA ermöglichten, so fanden dort während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Schriftsteller und Gelehrte eine Heimstatt; die in New York gegründete Ecole libre des hautes études entfaltete ein reiches intellektuelles Leben. Surrealismus und Existentialismus wurden in Amerika stark rezipiert; Sartre und Beauvoir unternahmen zwischen 1945 und 1947 mehrere Reisen in die Vereinigten Staaten.

Wichtige Beziehungen zu Russland hatten sich schon mit der Alliance franco-russe von 1898 entwickelt, die mit der Gründung der Sowjetunion nicht abbrachen, wenn sie auch von anderen Kreisen wahrgenommen wurden, vor allem von den kommunistischen Intellektuellen; aber auch dissidente Intellektuelle aus dem Ostblock fanden in Paris Resonanz. Frankreich konnte so bisweilen auch eine Mittlerrolle zwischen West und Ost wahrnehmen und so seine universalistische Ambition verteidigen.

Das Land hatte von der intellektuellen Marginalisierung Deutschlands nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg profitieren können. In der Philosophie blieb Deutschland die wichtige Referenz.28 Die deutsche Philosophie wurde aber nur partiell aufgenommen. Der Germanist Andler setzte sich in den 1920er Jahren mit Nietzsche auseinander und Nizan knüpfte zur selben Zeit an die deutsche Phänomenologie an. Kojève entdeckte ein Jahrzehnt später Hegel neu und Raymond Aron machte – erst 1935 – in Frankreich Max Weber bekannt. Hinsichtlich der Aufnahme von Husserl und Heidegger durch Sartre spricht der Autor von „appropriations sélectives“ (403). Die Aufnahme der Psychoanalyse in Frankreich erscheint als paradox.29 Obwohl eine der Quellen der Psychoanalyse die klinischen Seminare von Charcot an der Salpétrière waren, denen Freud zwischen 1885–86 beiwohnte, entstand eine eigene französische psychoanalytische Gesellschaft erst 1926. Gleichzeitig erschien oder erscheint Frankreich als „le pays le plus freudien d’Europe“ (406), weil der Ansatz sowohl im medizinisch-therapeutischen wie im literarisch-philosophischen Bereich auf große Resonanz stieß. Aber gerade weil die Sprache in Frankreich als repräsentativer Ausdruck der Nation eine so große Rolle spielt, warf die Übersetzung Freuds so große Probleme auf; man schuf eine eigene Kommission zur Vereinheitlichung der psychoanalytischen Terminologie: „l’objectif était de débarasser la psychanalyse de son ‚caractère germanique‘ pour en faire l’expression d’un ‚génie français‘: la civilisation contre la Kultur“ (407). Erstaunlich, dass Freud, der der literarischen Moderne relativ fern stand, in Frankreich gerade von der literarischen Avantgarde wie Leiris, Crevel, Artaud, Bataille aufgenommen wurde. Bretons Konzept des Unbewussten stufte Freud als Romantik ein. Es gab natürlich auch Widerstände gegen die Psychoanalyse Freuds, etwa bei Pierre Janet, einem der Nachfolger Charcots, der den Ansatz als Produkt der ‚verworfenen‘ Atmosphäre des Wiener Fin-de-siècle betrachtete. Eine ähnliche Germanophobie inspirierte die Bezeichnung der Psychoanalyse als „science boche“ nach dem Ersten Weltkrieg.

1962 bis heute

„Le temps des crises“, so heißt der Titel des vierten Hauptteils, der das intellektuelle Leben in Frankreich von 1962 bis heute beleuchtet. Gemeint ist hier eine ökonomische und soziale Krise, für die sich noch keine klaren Zukunftsperspektiven abzeichneten. Das beginne mit der Algerienkrise, setze sich mit der Krise von Mai 68, der Ölkrise und der Krise des Wohlstandsstaates ab den 1980er Jahren fort, bis hin zur wachsenden Bewusstwerdung der ökologischen Bedrohung.30 Die Herausgeber vergleichen die Periode mit der Sattelzeit von 1780–1848, die Koselleck durch die Begriffe Kritik und Krise kennzeichnete, als eine Zeit, in der die herkömmlichen Gewissheiten erschüttert werden.

Der Raum der Öffentlichkeit erscheint zunächst bestimmt durch eine wachsende Nachfrage nach einem Hochschulstudium. Zählte man 1960 noch 310 000 Studenten in Frankreich, so waren es im Jahre 2000 schon 2,1 Millionen. Die Fächer Geschichte und Philosophie verloren teilweise ihre Studenten, die sich immer mehr in Richtung Informatik und Kommunikation orientierten. Die Anzahl der Studentinnen an der Universität übertraf schon seit 1971 diejenige der Studenten und seit 2009 gibt es auch mehr Frauen mit einem Abschluss Trioisième Cycle, aber nur ein Viertel der Professorenschaft ist weiblich.

Bei den Medien genießt der Hörfunk noch eine große Resonanz im Unterschied zur Presse, die bloß mehr von einem Drittel der Bevölkerung regelmäßig verfolgt wird, während das Internet zu einem neuen bedeutenden Informationsinstrument geworden ist. Die Journalisten gewannen aber immer mehr an Bedeutung und die wichtigen Tageszeitungen schufen regelmäßige Rubriken für allgemeine Ideendebatten. Fernsehsendungen mit Schriftstellern und Intellektuellen wie ‚Apostrophes‘ (1975–1990), ‚Bouillon de culture‘ (1990–2000) ‚La grande Librairie‘ (ab 2008) stoßen auf sehr große Resonanz. So erstaunt es nicht, dass der omnipräsente Medienintellektuelle Bernard-Henri Lévy in einer Umfrage von 2010 als bekanntester Intellektueller Frankreichs erschien. Es ist nicht mehr so sehr das Urteil der ‚Pairs‘, das entscheidend ist; Journalisten werden zu den Taktgebern. So verdankt sich die Wahrnehmung der sog. ‚Nouveaux Philosophes‘ als eigener Gruppe einer Sendung von ‚Apostrophes‘ im Mai 1977:

Jamais sans doute les journalistes n’ont-ils joué un rôle aussi capital dans la configuration des idées et la visibilité de ceux qui les portent, L’intellectuel qui rejette le jeu de la médiatisation reste aux marges du mouvement des idées […].

Für Deleuze handelt es bei den Nouveaux Philosophes um ein Marketing-Phänomen, das der Medien-Logik gehorche. Durch den gesuchten Kontakt mit dem Journalismus entstehe „un nouveau type de pensée, la pensée-interview, la pensée-entretien, la pensée-minute“ (653).

Die Wissensproduktion in der genannten Epoche wurde durch die wachsende Spezialisierung sowie ein starkes Engagement des Staates geprägt; Christophe Bonneuil spricht von einem gewissen „colbertisme scientifique“ (518), namentlich nach 1981.31 Genetik und Molekularbiologie kennen einen großen Aufschwung und gleichzeitig entwickelt sich auf eine Meta-Ebene eine Forschung über die Forschung. Wissenschaftler äußern sich immer wieder auch als kritische Instanz. Die Geschichte der sciences humaines et sociales ab den 1960er Jahren scheint nach Mathieu Hauchcorne durch ein doppeltes Paradox geprägt.32 Anthropologie, Soziologie und Linguistik nahmen institutionell eine fragile Position ein, genossen aber unter dem Label Strukturalismus großes internationales Ansehen; ab 2000 waren diese Disziplinen institutionell gefestigt, kannten aber nicht mehr dieselbe Ausstrahlung. Wenn die erste Periode im Zeichen des Bruchs stand, dann war die zweite durch eine graduelle Entwicklung gekennzeichnet. Der sog. Strukturalismus teilte vor allem bestimmte Bezugspunkte, so die Orientierung an der Linguistik, das Prinzip der Synchronie und die Kritik des Subjektbegriffs. Selbst Lacan unterstrich die sprachliche Dimension des Unbewussten. Am Rand des Strukturalismus entwickelte Bourdieu eine Theorie der Praxis, die sich sowohl vom Subjektivismus des Ansatzes von Sartre absetzte wie vom reinen Objektivismus von Lévi-Strauss. Foucault und Barthes kehrten ihrerseits später ebenfalls wieder zu einem – neuen – Subjekt-Konzept zurück, während sich Ariès der Mentalitätsgeschichte und Agulhon der republikanischen Symbolik zuwandten.

Das politische Denken der letzten fünfzig Jahre wird hier durch die Pendelbewegung eines „flux et reflux de l’idée révolutionnaire“ (633) bestimmt.33 Die ‚Revolutionen‘ von Cuba, Vietnam, Portugal und Nicaragua fanden in Frankreich ein lebhaftes Echo, das dann aber auch in Enttäuschung umschlug, vor allem nach der Vereinnahmung des Aufstandes in Iran durch autoritäre Mullahs. Wenn der Existentialismus im philosophischen Feld durch den Strukturalismus ‚besiegt‘ wurde, so gewann Sartre im politischen Bereich nach 1968 an neuer Relevanz im Gegensatz zur ersteren Bewegung („Les structures ne descendent pas dans la rue“ [640]). Er näherte sich in der Aktion den Maoisten der Gauche prolétarienne, ohne Maoist zu werden, plädierte für eine Allianz zwischen Intellektuellen und der Arbeiterklasse, so etwa bei seinem berühmten Auftritt vor den Renault-Werken in Billancourt im Oktober 1970: „Sartre incarne physiquement le volontarisme d’une action mêlée à la pensée.“ (643) Vor allem nach der Intervention der Truppen des Warschau-Paktes wurde auch auf linker Seite der Staatskapitalismus der Sowjetunion kritisiert. Althusser versuchte, im Rückgriff auf strukturalistische und Lacanʼsche Elemente, eine Erneuerung der marxistischen Theorie durch die These einer epistemologische Wende im Denken von Marx um 1845, ein Ansatz, der später von seinem früheren Schüler Jacques Rancière radikal in Frage gestellt wurde:

Le marxisme que nous avions appris à l’école althussérienne, c’était une philosophie de l’ordre, dont tous les principes nous écartaient du mouvement de révolte qui ébranlait l’ordre bourgeois.

Die Studentenrevolte vom Mai 68 konzentrierte sich nicht so sehr auf die klassische Kategorie der Ausbeutung, sondern protestierte gegen eine ‚Entfremdung‘ in allen Lebensbereichen. Für Foucault und für Deleuze war die Arbeiterklasse nicht wie für Sartre ein „sujet universel“ und der Klassenkampf keine zentrale Kategorie. Als „inellectuels spécifiques“ war es für sie wichtig, im Bereich ihrer Kompetenz zu intervenieren, für Gefangene oder Psychiatrie-Patienten. Der Entwurf einer „psychiatrie matérialiste“, den Deleuze und Guattari 1972 mit L’Anti-Œdipe vorlegten, stieß auf große Resonanz.

Ab den 1980er Jahren wird ein ‚Rückfluss‘ der Idee der Revolution konstatiert. Es galt nun, mit dem Geist von 68 ‚aufzuräumen‘ und einen Kapitalismus zu akzeptieren, der für Reformen offen sei. Plattformen dieses ‚neuen‘ Denkens waren die 1978 von Raymond Aron gegründete Zeitschrift Commentaire sowie Le Débat von Pierre Nora und Marcel Gauchet (1980), ebenfalls die 1982 entstandene Fondation Saint-Simon. Prominentester Stichwortgeber war wohl der 1959 aus dem PCF ausgetretene Historiker François Furet mit seinem Diktum von 1978: „La Révolution est terminée.“ Die Französische Revolution wurde als Wiege des Totalitarismus eingestuft und der Sozialismus als „Opium für das Volk“. Die 1995 vorgelegte Rentenreform von Juppé wurde nun auch von Intellektuellen, etwa der Gruppe um Esprit, akzeptiert. Die Opposition dagegen, die Pierre Bourdieu vertrat, war eine minoritäre Position. Mit seiner Stellungnahme für die „sans-papiers“, die Arbeitslosen, seiner Kritik des Fernsehens und seinem Aufdecken der „misère du monde“ erscheint Bourdieu nach Edward Said als „le dernier [des] grands intellectuels universalistes et généralistes“ (659). Bourdieu bezog sich wohl auf universelle Werte wie Gerechtigkeit und Wahrheit; er verstand sich aber wie Foucault als „intellectuel spécifique“, der auf der Basis seiner Untersuchungen interveniert, wobei er noch mehr als Foucault die kollektive Dimension des Engagements betonte.34

Im Bereich der ästhetischen Debatten fällt die Auseinadersetzung zwischen moderner und zeitgenössischer Kunst auf, die man so in Deutschland kaum kannte. Der letzteren wurde Beliebigkeit vorgeworfen und sie wurde wegen der Ankäufe durch die offiziellen Museen als „subversion subventionée“ (717) gebrandmarkt. Die Neo-Avantgarde war häufig von einen theoretischen Diskurs begleitet, der als integraler Bestandteil des Kunstwerkes verstanden wurde. Auch in der Literaturtheorie, etwa bei Ricardou wurde die Autoreflexivität hervorgehoben.35 Die dominanten theoretischen Ambitionen im Bereich der Literatur, Antoine Compagnon sprach vom „démon de la théorie“, fanden auch Eingang in den Schulunterricht und ‚verkamen‘ so zur reinen Methode. Der Essay setzte sich als dominante literarische Gattung durch36, die gleichzeitig durch eine Form- und Erkenntnisfunktion bestimmt wird:

L’essai, qui n’a pas les séductions de la fiction, ne tient que par cette conviction que la diction est bien en soi un outil de pensée (et même de vie), et que la vérité gît aussi dans les décisions de forme.

Für Lucien Goldmann war der Essay, wie er das am Beispiel von Malraux aufzeigte, vor allem eine Gattung des Zweifels und des Suchens, während der Roman auf dem Glauben an bestimmte Werte beruhe. 1979 hatte Lyotard seine Epoche über die „condition postmoderne“ definiert, verstanden als Fragmentierung der herkömmlichen Legitimationssysteme und als das Ende der ‚Grands Récits‘. Der Begriff der Postmoderne fand indes in Deutschland und in den USA eine viel intensivere Verbreitung als in Frankreich.37

Der letzte Abschnitt steht unter der Frage „Le rayonnement déclinant de la pensée française?“38 Nach der Entkolonialisierung war der kulturelle Einfluss Frankreichs paradoxerweise größer als das politische und wirtschaftliche Gewicht des Landes – gerade im frankophonen Bereich. Vom Stigma der Kolonialherrschaft befreit konnte das Land neue kulturpolitische Initiativen lancieren. Paris wurde so auch zeitweise zur „capitale intellectuelle arabe“ (783). Aber auch in Europa war Paris ein „unvergleichlicher“ Anziehungspunkt wegen der Ausstrahlung Sartres, der da noch auf dem Zenit seines Wirkens stand, aber auch wegen der Nouvelle Vague oder dem Nouveau Roman. Osteuropäische Intellektuelle wie Kundera, Todorov, Kristeva fanden den Weg nach Paris.

Ab den 1980er Jahren schwächte sich wegen der Globalisierung und der hegemonialen Position des anglophonen Bereichs diese Ausstrahlung ab. Zwar waren im Jahr 2000 Foucault, Bourdieu und Derrida die weltweit meistzitierten Autoren. Das war aber der amerikanischen Vermittlung geschuldet. Die unter dem Label Poststrukturalismus rezipierte „French Theory“ (François Cusset) mit Foucault, Derrida, Barthes, Deleuze, Lyotard, Althusser, Lacan, Irigaray, Cixous, Kristeva wurde durch die amerikanischen Universitäten legitimiert, in den dortigen Kanon aufgenommen und fand in englischer Übersetzung als „recréation américaine“ (788) große Verbreitung.

Die neue Rolle, die dem anglophone Bereich zukam, wurde auch dadurch belegt, dass die Anzahl der Übersetzungen aus dem Englischen zwischen 1980 und 1990 von 45 % auf 59 % stieg, während die Übersetzungen aus dem Französischen bei 10 % stagnierten, aber immerhin noch den zweiten Rang einnahmen. Bei der Zahl der ausländischen Studierenden nahm Frankreich 2010 immerhin noch den vierten Rang ein hinter den nunmehr dominierenden USA, aber auch hinter England und Deutschland. Die amerikanische Philosophie fand nun in Frankreich auch Resonanz und für viele Philosophen wurde die Anerkennung in den USA zu einem wichtigen Kriterium. Frankreich entfaltete nach wie vor eine voluntaristische Kulturpolitik, die sich etwa im Kampf um die Anerkennung einer „exception culturelle“ im Rahmen der GATT-Verhandlungen 1986 manifestierte. Wenn innerhalb Europas durch das ERASMUS-Programm der Studentenaustausch beflügelt wurde, so entwickelte sich innerhalb des Kontinents wegen der sprachlichen Fragmentierung kaum eine europäische Öffentlichkeit und es entstanden auch wenige europäische Plattformen der Auseinandersetzung. Mit dem Anwachsen der extrem rechten Parteien, dem Brexit, den terroristischen Anschlägen wuchs auch die Europaskepsis bei Intellektuellen. Nach Christophe Charle ist aber hier das letzte Wort noch nicht gesprochen:

La seule conclusion provisoire qu’on peut tirer de l’histoire des rapports entre intellectuels et idée européenne au siècle dernier est que les périodes de plus grand pessimisme européen ont souvent été celles qui ont préparé les rebonds inattendus du futur.

War nicht die Wahl von Macron, der nicht für weniger, sondern für mehr Europa eintrat ein solcher „rebond inattendu“?

Nach dieser so umfassenden Darstellung des intellektuellen Lebens Frankreichs während der letzten zwei Jahrhunderte ist man den beiden Herausgebern dankbar, dass sie am Schluss eine Bilanz wagen.39 Zunächst stellen sie ein wechselndes Verhältnis der Nähe oder Distanz zwischen den Vertretern des intellektuellen Feldes und den religiösen, politischen und wirtschaftlichen Eliten fest. Auch die Position Frankreichs in der globalen „République des lettres et des sciences“ entwickelte sich nicht linear. Zyklen der Öffnung wechselten mit solchen der Abschottung, wobei gerade die Öffnung nach außen heftige Gegenreaktionen auslöste. Festgestellt werden bestimmte Kontinuitäten, aber auch Brüche.

Als eine erste Kontinuität schält sich das starke Gewicht des Staates und seiner Institutionen in Frankreich heraus, die über die vertikale pädagogische Aktion sich auch auf das nationale Unbewusste auswirke. Die Autoren sprechen von einer „étatisation croissante de la vie intellectuelle française“ (846). Dann sei auch die Zentralisierung trotz der Bemühungen der Regierung von Mitterand nicht nachhaltig geschwächt worden. Von den acht Nobelpreisträgern und den fünf mit der Fields-Medaille zwischen 1980 und 2002 Ausgezeichneten stammten alle aus Paris! Die Präsenz der Religion – eine weitere Konstante – sei in Frankreich trotz der Säkularisierung nicht zu übersehen. Die Kirche verfüge über Schulen, Verlagshäuser und katholische, protestantische und jüdische Intellektuelle meldeten sich zu Wort. Während der IV. Republik spielte der christlichdemokratische MRP eine nicht unwichtige Rolle und auch die linkskatholische Zeitschrift Esprit finde Gehör. Traditionalistische katholische Kreise wie die Bewegung Sens commun melden sich ihrerseits lautstark zu Wort. Die Debatte zwischen Modernisten und Traditionalisten in diesem Bereich sei ein konstantes Element.

Als erstes Element des Wandels wird die enorme Ausweitung des Hochschulbereichs erwähnt mit den neuen Schwerpunkten Informatik und Betriebswirtschaft. Die Zahl der Studenten hat sich seit 1945 verzehnfacht, die der Dozenten sei dreißig Mal höher. Die Zahl der Doktorate stieg von 6000 im Jahre 1980 auf 10 500 im Jahre 2005. Die Kehrseite sei eine gewisse Proletarisierung und Prekarisierung der Hochschulabgänger, mit einer neuen schlecht bezahlten „classe créative“. Die Autoren sprechen von einem „déclassement général des intellectuels au sein du champ du pouvoir“ (859). Als weiteres Indiz der Entwicklung erweist sich die neue Bedeutung der Frauen im intellektuellen Feld, die sich relativ spät, vor allem seit den 1960er Jahren abgezeichnet habe. Die Frauen seien nun sowohl im Bereich der sekundären als auch der universitären Lehre präsent, noch relativ schwach bei den Naturwissenschaften, dagegen sehr stark in dem der Geistes- und Sozialwissenschaften. Eine Regression dieser Entwicklung, wie sie unter dem Vichy-Régime stattfand, sei heute undenkbar. Etwas knapp wird über den Wandel im Bereich der Medien berichtet. Die Presse und das Fernsehen verlören an Bedeutung; das Internet verändere die bestehenden Netzwerke und schaffe einen gewissen Graben zwischen den Generationen. Neu sei schließlich die internationale Öffnung, die zu einer Schwächung des frankophonen Raumes geführt habe. Aber Frankreich suche nach wie vor auch seinen Besitzstand zu verteidigen. Das Land ziehe auch heute noch Studierende und junge Forscher aus dem Ausland an. Im Studienjahr 2013–14 stammten 12,1 % der Studenten aus dem Ausland und 41,1 % der Doktorierenden. Von der aktiven Kulturpolitik zeugten die Zweigstellen des Centre Pompidou in Malaga, Brüssel und Schanghai und des Louvre in Abu Dhabi.

Die immer stärkere internationale Verknüpfung der wissenschaftlichen Bereiche führe zweifellos zu größerer Fragmentierung und Hyperspezialisierung und bisweilen auch zu einem Versagen der Qualitätskontrollmechanismen. Zeit zum Innehalten bleibe kaum und zusammen mit dem deutschen Soziologen Hartmut Rosa wird eine wachsende Akzeleration auch des intellektuellen Lebens konstatiert.40 Trotz der Defizite und der enttäuschten Hoffnungen, die nicht verschwiegen werden, schließen die Autoren mit einer optimistischen Note, wenn sie das Wort eines französischen Revolutionärs vor mehr als zwei Jahrhunderten wieder aufgreifen: „Le bonheur reste une idée neuve, en France, en Europe et dans le monde.“ (867)

Mit den vorliegenden zwei Bänden haben die Herausgeber zusammen mit den zahlreichen Beiträgern ein eindrückliches Werk vorgelegt. Die Geschichte wird nicht einfach entlang einer reinen Zeitschiene rekonstruiert, eine Linearität, die schematisieren und vereinfachen würde. Mit der Option für eine mittlere Zeitdauer von einem halben Jahrhundert werden von den Mitarbeitern zahlreiche Aspekte von einem aktuellen Forschungsstand aus in ihrer ganzen Breite beleuchtet, Aspekte die ko-existieren, aber die manchmal auch ungleichzeitig sind41 (was manchmal gewisse Wiederholungen mit sich bringt). In dieser Breite stellen die beiden Bände ein unverzichtbares Panorama dar, das bisher ausstand. Beim Lesen wünscht man sich, dass eine solche Gesamtdarstellung auch für den deutschen Bereich zur Verfügung stünde, ein Wunsch, den auch Christophe Charle teilt:

Je pense qu’il serait bon que les chercheurs allemands réalisent un travail du même type sur la vie intellectuelle germanique qui synthétiserait la masse des travaux. Je sais bien que c’est un travail colossal vu la prolifération de la bibliographie allemande mais cela serait bien utile pour mieux comprendre ce qui s’est passé en Allemagne et sortir des lieux communs anciens.42


  1. Christophe Charle, Naissance des ‚intellectuels‘: 1880–1900 (Paris: Editions de Minuit, 1992).
  2. Christophe Charle, Les Intellectuels en Europe au xixe siècle: essai d’histoire comparée (Paris: Seuil, 1996); deutsche Übersetzung: Vordenker der Moderne: die Intellektuellen im 19. Jahrhundert (Frankfurt am Main: Fischer, 1997).
  3. „Peu à peu, les lumières se répandent; on voit se réveiller le goût de la littérature et des arts; l’esprit devient alors un élément de succès; la science est un moyen de gouvernement, l’intelligence une force sociale; les lettres arrivent aux affaires.“ Alexis de Tocqueville, Œuvres, papiers et correspondances I: de la démocratie en Amérique (Paris: Gallimard, 1951), 2.
  4. Christophe Charle beschäftigte sich in zahlreichen anderen Studien mit den Intellektuellen im weitesten Sinn: Les hauts fonctionnaires en France au xixe siècle (Paris: Gallimard, 1980); Les Professeurs de la faculté des lettres de Paris, dictionnaire biographique, vol. 1 (1809–1908) sowie, vol. 2 (1909–1939) (Paris: CNRS-INRP, 1968 und 1985); Les Élites de la République (1880–1900) (Paris: Fayard, 1987); Les Professeurs du Collège de France, dictionnaire biographique (1901–1939) (Paris: CNRS-INRP, 1988); La République des universitaires (Paris: Le Seuil, 1994); Le Siècle de la presse (1830–1939) (Paris: Le Seuil, 2000); Histoire des universités (Paris: PUF, 2012). Siehe auch den Forschungsbericht Joseph Jurt, „Zur Geschichte der Intellektuellen in Frankreich“, Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 24, Heft 2 (1999): 134­–52.
  5. Alain Dubosclard, Laurent Grison, Laurent Jeanpierre, Pierre Journoud, Christine Okret und Dominique Trimbur, Hrsg., Entre rayonnement et réciprocité: contributions à l’histoire de la diplomatie culturelle (Paris: Publications de la Sorbonne, 2002).
  6. Eine ähnliche Intention leitete auch die Ausstellung „Laboratoire d’Europe. Strasbourg 1880–1930“, die von den Museen und der Universität von Strassburg von September 2017 bis Februar 2018 organisiert wurde. Mit dieser Chronologie bezog man sich bewusst nicht auf die politischen Daten der deutschen Besetzung. „‚Laboratoire d’Europe. Strasbourg 1880–1930‘, vaste manifestation pluridisciplinaire, offre un ensemble d’expositions et de manifestations culturelles à travers la ville. La période chronologique retenue indique la volonté de déplacer le regard d’une histoire événementielle vers une approche d’un temps plus long, celui des productions et des échanges qui fondent aujourd’hui encore la singularité strasbourgeoise […] cette manifestation a pour ambition de montrer comment de nouveaux savoirs et des formes artistiques inédites sont nés des rencontres et croisements entre cultures allemande, française et plus largement européennes, en un temps où la ville fut un véritable laboratoire interculturel.“ (Ausstellungsprogramm 2017, 1–2).
  7. Siehe dazu Michael Werner und Bénédicte Zimmermann, „Penser l’histoire croisée: entre empirie et réflexivité“, Annales, 58, Nr. 1 (2003), 7–36 und vor allem auch die empirischen Darstellungen etwa von Béatrice Joyeux-Prunel, Les avant-gardes artistiques: une histoire transnationale, 1848–1918 (Paris: Gallimard, 2016); Les avant-gardes artistiques: une histoire transnationale, 1918–1945 (Paris: Gallimard, 2017) (die Autorin ist auch Mitarbeiterin beim vorliegenden Werk) sowie Patrick Boucheron, Hrsg., Histoire mondiale de la France (Paris: Seuil, 2017).
  8. Jean-Luc Chappey, „Des Lumières à l’Empire“, 21–44.
  9. Gisèle Sapiro, „Le combat pour la liberté intellectuelle“, 89–111.
  10. Zum Aufschwung der Presse im 19. Jahrhundert und zum intensiven Verhältnis von Presse und Literatur siehe auch Dominique Kalifa, Philippe Régnier, Marie-Eve Thérenty und Alain Vaillant, Hrsg., La Civilisation du Journal (Paris: Nouveau Monde, 2011); Marie-Eve Thérenty, La littérature au quotidien: poétiques journalistiques au xixe siècle (Paris: Seuil, 2007); Christophe Charle, Le siècle de la presse; Joseph Jurt, „Das Jahrhundert der Presse und der Literatur in Frankreich“, Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38, Heft 2 (2013): 255–80.
  11. Vgl. Anthony Glinoer, „Les imaginaires de la vie littéraire“, 112–7; André Chervel, „La rhétorique au collège (1800–1880): splendeur et décadence“, 118–23; Jean-Louis Halpérin, „Codification napoléonienne et culture des juristes et des non-juristes dans la France du premier xixe siècle“, 131–6; Antoine Schwartz, „Les variantes du libéralisme politique“, 143–8; Philippe Darriulat, „La chanson: une voix du peuple?“, 155–8; siehe zu letzterem Punkt auch die deutsche Habilitationsschrift von Eva Kimminich, Erstickte Lieder: zensierte Chansons aus Pariser Café-concerts des 19. Jahrhunderts – Versuch einer kollektiven Reformulierung gesellschaftlicher Wirklichkeiten (Tübingen: Stauffenburg, 1998).
  12. Hier wäre ein Hinweis auf die Arbeit von Gisèle Séginger willkommen, die an das berühmte Diktum von Gabriel Monod von 1876 erinnert: „Notre siècle est le siècle de l’histoire“ und sehr gut aufzeigt, wie Flaubert die teleologische Ausrichtung der Geschichtswissenschaft seiner Zeit durch eine durch Kontingenz bestimmte Sicht der Geschichte subvertierte; vgl. Gisèle Séginger, Flaubert, une poétique de l’histoire (Strasbourg: Presses universitaires de Strasbourg, 2000).
  13. Diese Position artikulierte sich jedoch nicht „au lendemain de la guerre de 1870“ (197), sondern schon während des Konfliktes. Siehe dazu Joseph Jurt, „Deux conceptions de la nation: le débat franco-allemand entre David Friedrich Strauss, Mommsen, Renan et Fustel de Coulanges en 1870–1871“, Procès-Verbaux et Mémoires de l’Académie des Sciences, Belles Lettres et Arts de Besançon et de Franche-Comté 203 (2017): 41–58.
  14. Alain Vaillant, „Entre esthétisme et réalisme: le nœud gordien du romantisme français“, 221–42.
  15. Diese Tradition erklärt wohl die sehr starke Sorgfalt, die auch Wissenschaftler und Politiker in ihren Texten obwalten lassen. Siehe dazu Joseph Jurt, „Le pouvoir symbolique de la littérature: une exception française?“, Interfaces 23, II (Juli–Dezember 2015): 17–31.
  16. Christophe Charle, „Vers un monde intellectuel sans frontières“, 353–73.
  17. Vgl. Jacqueline Lalouette, „La ‚banqueroute de la science‘“, 480–2.
  18. Vgl. Marie-Albane de Suremain, „La ‚mission civilisatrice‘ de la France“, 492–8.
  19. Vgl. Blaise Wilfert-Portal, „Une nouvelle géopolitique intellectuelle: entre nationalisme et cosmopolitisme“, 559–91.
  20. Zu Benda siehe auch die exzellente Studie von Andreas Gipper, Der Intellektuelle: Konzeption und Selbstverständnis schriftstellerischer Intelligenz in Frankreich und Italien 1918–1930 (Stuttgart: M und P, Verlag für Wissenschaft und Forschung, 1992), vor allem 155–68.
  21. Die ‚Querelle des mauvais maîtres‘ wurde von einem deutschen Romanisten erstmals aufgearbeitet: Wolfgang Babilas, „La Querelle des mauvais maîtres“, Romanische Forschungen 98, Nr. 1–2 (1986): 120–52.
  22. Vgl. Anna Boschetti, „Sartre au centre des querelles“, 193–200.
  23. Vgl. Enzo Traverso, „Polarisations idéologiques“, 201–26.
  24. Siehe dazu Joseph Jurt, „Fascisme dans la littérature: Drieu La Rochelle: La Comédie de Charleroi“, französisch heute 13, Nr. 4 (Dezember 1982), 255–63.
  25. Vgl. Ivan Jablonka, „Céline: pour et contre“, 248–51.
  26. Siehe dazu „Affaire Céline: réactions en chaîne“ (mit Beiträgen von Tiphaine Samoyault, Yann Moix, Zeev Sternhell), Le Monde [des livres], 12. Januar 2018.
  27. Daniel J. Sherman, „Idées des arts et arts à idées“, 275–300.
  28. Vgl. Jean-Louis Fabiani, „La référence allemande dans la pensée française“, 400­–5.
  29. Élisabeth Roudinesco, „La lente implantation de la psychanalyse en France“, 406–12.
  30. Christophe Charle und Laurent Jeanpierre, „Ouvertures et turbulences“, 425–36.
  31. Christophe Bonneuil, „La Cinquième République des sciences: transformations des savoirs et des formes d’engagement des scientifiques“, 515–36.
  32. Mathieu Hauchcorne, „Essor et disciplinarisation des sciences humaines et sociales“, 565–89.
  33. Vgl. Ludivine Bantigny, „Flux et reflux de l’idée révolutionnaire“, 639–62.
  34. Siehe dazu Gérard Mauger, „L’engagement sociologique“, Critique 579–580 (August-September 1995): 674–96 sowie absolute Pierre Bourdieu, hrsg. und mit einem biografischen Essay von Joseph Jurt (Freiburg: orange-press, 2007), 174–211.
  35. Alain Robbe-Grillet sollte sich später leicht ironisch über den Eifer von Ricardou äußern: „A l’intérieur de ce groupe qu’on appelle le ‚Nouveau Roman‘, il y avait un théoricien extrêmement rigoureux et un peu stalinien, Jean Ricardou, qui récusait toute idée de référent […]. [L]es écrivains plus âgés, Claude Simon, Nathalie Sarraute et moi-même, avons des notions beaucoup plus flottantes sur le référent. Nous pouvons aller plus loin dans la direction indiquée par Ricardou, mais nous le faisons toujours avec une espèce de sourire au coin. Donc, dans les années 60, la grande évacuation des notions d’auteur et d’expérience vécue a été la source d’amicales disputes […].“ Alain Robbe-Grillet, „Je n’ai jamais parlé d’autre chose que de moi“, in L’auteur et son manuscrit, hrsg. von Michel Contat (Paris: PUF, 1991), 37.
  36. Vgl. Marielle Macé, „Continuer à penser en écrivains: la culture de l’essai“, 738–43.
  37. Siehe dazu Félix Torrès, „Post-Moderne“, Le Débat 50 (Mai-August 1988): 213–4.
  38. Thomas Brisson, „Le rayonnement déclinant de la pensée française?“, 779–802.
  39. Christophe Charle et Laurent Jeanpierre, „Conclusion générale: l’ancien et le nouveau“, 839–68.
  40. Hartmut Rosa, Beschleunigung: die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005).
  41. Siehe dazu auch Christophe Charle, Discordance des temps: une brève histoire de la modernité (Paris: Armand Colin, 2011).
  42. Persönliche Mitteilung von Christophe Charle vom 7. Oktober 2016.

Ill.: Anicet Charles Gabriel Lemonnier, Lecture de la tragédie de l’orphelin de la Chine de Voltaire dans le salon de madame Geoffrin (Malmaison, 1812).

À l’arrière-plan, de gauche à droite figurent Gresset, Marivaux, Marmontel, Vien, Thomas, La Condamine, l’abbé Raynal, Rousseau, Rameau, Mlle Clairon, Hénault, le duc de Choiseul, la statue de Voltaire [dont on lit „l’Orphelin de la Chine“], d’Argental, Saint-Lambert, Bouchardon, Soufflot, Danville, le comte de Caylus, Bartolomeo de Felice, Quesnay, Diderot, le baron de l’Aune Turgot, Malesherbes, le marcéhal de Richelieu, plus loin : Maupertuis, Mairan, d’Aguesseau, Clairaut le secrétaire de l’Académie enfin. Au premier rang, de droite à gauche, devant Clairaut : Montesquieu, la comtesse d’Houdetot, Vernet, Fontenelle, Mme Geoffrin, le prince de Conti, la duchesse d’Anville, le duc de Nivernais, Bernis, Crébillon, Piron, Duclos, Helvétius, Vanloo, d’Alembert derrière le bureau, Lekaine en train de lire, plus à gauche Mlle de Lespinase, Mme du Bocage, Réaumur, Mme de Graffignin, Condillac, tout à gauche Jussieu, devant lui Daubenton, et enfin Buffon. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Salon_de_Madame_Geoffrin.jpg)

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